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Der erste Schnee

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Der erste Schnee | story.one

Ein Blick aus dem Fenster offenbart mir frühmorgens: Juchhu, es schneit! Die weißen Flocken rieseln wie Konfetti vom wolkenverhangenen Himmel und der Garten hat sich über Nacht in eine weißschimmernde Winterlandschaft verwandelt.

Auf meinem Weg in die Arbeit komme ich am Nachbarhaus vorbei und ich winke dem kleinen Max fröhlich zu, der gerade mithilfe seiner kleinen Schneeschaufel das frisch gefallene Weiß beim Zaun ablädt. Im Radio höre ich amüsiert, wie ein gut gelaunter Moderator allen wagemutigen Autofahrern prophezeit, sich heute auf einen Flockdown einzustellen. Durch das beschlagene Busfenster sehe ich Mütter und Väter, die ihre Kinder mit der Holzrodel über die verschneiten Gehsteige ziehen.

Das erinnert mich an die schöne Zeit, als mich meine tüchtige Großmutter mit der Rodel auf ihrer täglichen Einkaufstour mitgenommen, oder noch besser, zum nahen Teich gezogen hat. Der stille Weiher lag nämlich in einer kleinen Senke, von deren sanften Anhöhen man wundervoll auf der glitzernden Schneedecke bis zum Ufer hinuntersausen konnte. Natürlich musste man rechtzeitig bremsen, um nicht im eisigen Wasser zu landen. Dafür sorgten schon Omas Stiefel, deren Abdrücke tiefe Furchen im weichen Schnee hinterließen.

Wenn die Temperaturen für längere Zeit weit unter null Grad gefallen waren, hatte sich die fluide Oberfläche des Tümpels bald mit einer dicken Eisschicht überzogen. Dennoch wagten wir es nicht, die Stärke des Eis, seine Tragfähigkeit, mit dem Gewicht der Rodel und unserem eigenen zu testen.

Nach Dienstschluss hat Frau Holle all ihre Betten ausgestaubt und ich machte mich gleich wieder auf den Weg, um noch bei Tageslicht die klare Luft zu genießen. Als hätte ein Zauberer seinen magischen Stab geschwungen, so hatte sich alles verändert. Der Neuschnee unter meinen Sohlen dämpfte meine Schritte, und ich staunte über die vielen kleinen und großen Pfotenabdrücke, die Hunde beim Gassi gehen in der weißen Pracht hinterlassen hatten. Aber auch das unverwechselbare Muster der Saatkrähen, die mit ihren drei Zehen tapsige Spuren auf dem reichlich überzuckerten Acker hinterlassen hatten, konnte ich jetzt genauer betrachten.

Als ich meine Schritte heimwärts lenkte, warf ich noch einen letzten Blick auf ein paar nach Futter tauchenden Erpeln in der stoisch dahinplätschernden Liesing, die heute von weiß getünchten Bäumen und Sträuchern gesäumt wird.

Es ist schon später Nachmittag, als ich wieder der freundlichen, jungen Nachbarin begegne. Nun ist ihr Sohn damit beschäftigt, im Vorgarten seinen zweiten Schneemann zu bauen. Lachend verkündet sie mir: “Wir waren zwischen Schneeschaufeln und Schneemannbauen auch im Haus, nicht dass du denkst, dass wir wie die Inuits jetzt nur noch im Freien leben!"

Ich rufe: „Warum nicht, wenn die Luft so herrlich ist und der Schnee noch glänzt?“

© Silvia Peiker 2020-12-04

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