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#glaube#alltagsheldinnen

Der Fall Ottillinger

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Der Fall Ottillinger | story.one

Der junge Mann auf dem Betonblock streckt und reckt sich dem wolkenlosen Himmel entgegen. Angefeuert von den Zurufen des Fotografen springt er in die H√∂he, gr√§tscht die Beine wie ein Solot√§nzer der Staatsoper und √∂ffnet pl√∂tzlich seinen langen, schwarzen Mantel. Darunter kommt seine glatt rasierte Brust zum Vorschein, sein Oberk√∂rper wird trotz windigem L√ľftchen von keinem weiteren Bekleidungsst√ľck bedeckt. Ob es wohl an meinem fortgeschrittenen Alter liegt, dass ich dieses halbnackte Posieren vor einer Kirche nicht guthei√üe? Trotzdem bewundere ich die Ausdauer von Modell und Fotograf, die selbst nach meiner stundenlangen Wanderung noch immer eifrig verschiedene Posen ausprobieren. Vielleicht h√§tte diese Zurschaustellung von Jugendlichkeit und Manneskraft ja der Erbauerin der Wotrubakirche imponiert?

Als w√§re es gestern gewesen, erinnere ich mich heute mit Bewunderung im Herzen an die au√üergew√∂hnliche Biografie √ľber Margarethe Ottillinger von Catarina Carsten. Die Diplomkauffrau, die so viel Leid zu Unrecht erdulden musste, wird erst 1994, zwei Jahre nach ihrem Tod, von der sowjetischen Justiz von allen Anschuldigungen freigesprochen.

Margarethe, die 1919 in Nieder√∂sterreich das Licht der Welt erblickt hat, promoviert 1941 in Handelswissenschaften an der Hochschule f√ľr Welthandel. Aufgrund ihrer mathematischen Begabung wird die erst 28-J√§hrige Sektionsleiterin im Ministerium f√ľr Verm√∂genssicherung. Als rechte Hand von Minister Krauland ist sie f√ľr die Verteilung der Marschall-Plan-Gelder zust√§ndig und soll in seinem Auftrag die von den Sowjets erbeuteten, ehemaligen √∂sterreichischen land- und forstwirtschaftlichen Betriebe durchleuchten.

Ihre, f√ľr eine Frau, einzigartige Karriere endet 1948 j√§h, als sie w√§hrend einer Dienstreise im Beisein des Ministers an der Zonengrenze der Alliierten in Steyr von russischen Besatzungssoldaten verhaftet wird. Man versucht, sie mit Schlafentzug und anderen unmenschlichen Methoden, jedoch erfolglos, zu einem Gest√§ndnis √ľber vermeintliche Spionaget√§tigkeiten zu zwingen. Trotzdem wird die Unbeugsame, zus√§tzlich noch wegen Verdacht der Fluchthilfe eines russischen Erd√∂l-Fachmanns, mit dem sie ein Verh√§ltnis hatte, zu 25 Jahren Zwangsarbeit im ber√ľchtigten Gulag Potma, das Finsternis bedeutet, verurteilt.

W√§hrend ihrer achtj√§hrigen Haft erkrankt sie an Ruhr und gelobt, im Falle ihrer Heimkehr, eine Kirche zu bauen, was ihr nach einer Amnestie nach Stalins Tod mithilfe von Spendengeldern und eigenen Mitteln auch gelingt. Die wieder genesene, tief gl√§ubige Heimkehrerin √ľbernimmt die Leitung des Konzerns √ĖMV und der K√ľnstler Wotruba erh√§lt von ihr den Auftrag, ein Gotteshaus als Bollwerk gegen den Atheismus zu errichten.

In einem Interview √ľber ihre Verhaftung gesteht sie sp√§ter: ‚ÄěDas war der schrecklichste Augenblick. In dem hab ich erkannt: Nichts ist best√§ndig auf dieser Welt. Alles kann weg sein von heute auf morgen.‚Äú

© Silvia Peiker 2021-11-07

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