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#kaffeehauskultur#postcorona

Die drei Ks

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Die drei Ks | story.one

Endlich, lang ersehnt, viel zu lange entbehrt. Ich lasse das Ambiente auf mich wirken, sehe hoch zu den blankgeputzten Kristalllustern, betrachte mich in der verspiegelten Wand gegenĂŒber, registriere meine ĂŒberzĂ€hligen Coronapfunde. Rasch drehe ich den Kopf in die entgegengesetzte Richtung und betrachte statt meiner Rubens Figur lieber die vielen rucksackbepackten Touristen durch die großen Fensterscheiben, die endlich wieder das unvergleichliche Flair der Wiener City mit interessierten Blicken und gezĂŒckten Kameras einsaugen.

Ich lasse mir indessen mein erstes Wiener FrĂŒhstĂŒck, auf das ich bereits lĂ€nger als ein Jahr warte, mit flaumiger, handgemachter Semmel, Schnitte Madame Crousto vom Bio-Brot, Marillenmarmelade aus Landmanns original Backstube, österreichischer Butter, weichem Ei vom glĂŒcklichen Huhn im schlossĂ€hnlichen Ambiente im CafĂ© Mozart im Herzen der Innenstadt, gut platziert zwischen Oper und Albertina, schmecken. Der Duft meines aromatischen Espressos umschmeichelt meine Geschmacksknospen, wĂ€hrend ich den köstlichen Mehlspeisen in der Vitrine nahe dem noblen Eingangsbereich sehnsuchtsvoll, aber dennoch standhaft, zuzwinkere.

Mein Faible fĂŒr Geschichte lĂ€sst mich gedanklich zu Sobieski, dem Retter Wiens wĂ€hrend der zweiten TĂŒrkenbelagerung im Jahr 1683, abschweifen. Dem König von Polen verdankt die Landehauptstadt quasi ihr erstes Kaffeehaus.

Der Legende nach hatte der kaiserliche Kurier und Dolmetscher Kolschitzky von den Feinden erbeutete SĂ€cke mit unbekannten braunen Bohnen fĂŒr eine wagemutige Heldentat erhalten. Es war ihm nĂ€mlich geglĂŒckt, eine wichtige Nachricht an den tĂŒrkischen Belagerern vorbeizuschmuggeln. DafĂŒr winkten ihm die anfĂ€nglich fĂŒr Kamelfutter gehaltenen SĂ€cke voll mit köstlichem Kaffee, womit er sogleich das erste Wiener Kaffeehaus mit dem eigenartigen Namen „Zur blauen Flasche“ gegrĂŒndet haben soll. Jedoch ist diese Geschichte frei erfunden, also waschechte Fake News, die schon damals ihre Runden drehten.

Historisch fundiert ist jedoch, dass das erste Wiener Kaffeehaus am 17. JĂ€nner 1685 vom armenischen HĂ€ndler Johannes Theodat in der Rotenturmstraße 14 eröffnet wurde. Dieser Mann erhielt tatsĂ€chlich fĂŒr Kurierdienste, wĂ€hrend die Osmanen vor den Toren Wiens lagerten, vom Stadtkommandant Graf Starhemberg das Privileg, Kaffee auszuschenken. Somit war die Wiener Kaffeehaustradition aus der Taufe gehoben worden und ist als unverzichtbare Komponente der Kulturhauptstadt nicht mehr wegzudenken.

Vieles hat sich verÀndert, seit der Virus seine Klauen nach uns ausgestreckt hat. Nicht alles zum Guten, aber ich hoffe doch, dass viele nun bewusster durchs Leben schreiten, das AlltÀgliche wieder mehr schÀtzen und kleine Freuden, wie diesen Kaffeehausbesuch, der die Lebensgeister weckt, zu schÀtzen wissen. Ich setze nun auf die drei Ks: Kaffee, Kuchen, Kultur.

Vielen Dank an Jure Tufekcic fĂŒrs stimmungsvolle Foto!

© Silvia Peiker 2021-06-17

KaffeehausPOST-CORONA? Hoffungsvoll in neue Zeiten!

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