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#b√ľcherliebe

Die Erfindung der Sprache

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Die Erfindung der Sprache | story.one

Erst wenn der grelle Lichtkegel des Leuchtturns die Schw√§rze von Huberts Verschwinden erhellt und die verstreuten Mosaiksteine der Vergangenheit ins rechte Licht r√ľckt, erst dann kommt Adam Riese seiner eigenen genealogischen Abstammung auf die Spur. Sein Vater Hubert, der einen Apparat erfindet, um die ersten brabbelnden, wimmernden Laute des neugeborenen Sohnes zu deuten, kehrt von einer Auszeit auf dem Jakobsweg nicht mehr in das kleine, heimatliche Dorf zur√ľck, das abgeschieden vom Rest der Welt auf einer ostfriesischen Insel ein Dornr√∂schendasein fristet.

Adams Mutter Oda verschlägt es daraufhin die Sprache, und sprachlos muss sie das Mikrofon, das sie erfolgreich als Radioredakteurin schwingt, an den Nagel hängen. Jedoch die Gemeinschaft der Inselbewohner und vor allem seine Großeltern geben dem plötzlich vaterlos gewordenen, hochbegabten Teenager, dem gerade das Zwischenmenschliche als unlösbare Gleichung erscheint, den nötigen Halt im Leben.

Da ist die tschechische Gro√ümutter Leska,, die alle Unbill des Daseins mit ihren deftigen Kochk√ľnsten und witzigen Wortkreationen zu Leibe r√ľckt, und der backende Gro√üvater, dessen Sehnsucht nach den zerkl√ľfteten Bergen im krassen Gegensatz zum windgepeitschten Meer steht.

Auf der Suche nach seinem verschwundenen Erzeuger gl√ľckt es dem Dozenten der Sprachwissenschaft unverhofft, gleich zwei seiner Phobien zu heilen. Adam wird zum Besch√ľtzer und Freund einer angsteinfl√∂√üenden Katze und besiegt im verzweifelten Bem√ľhen, diese der tosenden See zu entrei√üen, seine traumatisch begr√ľndete Furcht vor dem unheilvollen Nass.

Des Meeres k√ľhle Wellen spuckt Zwei- und Vierbeiner schaumgeboren wieder aus. Poseidon fordert in Anja Baumheiers fiktivem Roman kein Opfer, im Gegenteil, im warmherzigen Plot mutiert sogar der in sozialen Kompetenzen unge√ľbte Adam zum schn√∂rkellosen Philanthropen. In den unterirdischen Geheimg√§ngen der famili√§ren Vergangenheit verlinken sich die Puzzleteile der Gegenwart im hermeneutischen Denkprozess mit ihrem verschollenen √Ąquivalent des Stammbaums, dessen knorriges Wurzelwerk in Frankreich erst in Enigmalaune ausgegraben werden muss.

Fadesse ist keine Option, wenn die spannende Spurensuche die an der Angel zappelnden Rezipienten zu mitfiebernden Fährtenlesern stilisiert. Im hellen Schein des Leuchtfeuers tänzelt Adams unfreiwilliges Singledasein zu einem gänzlich unverhofften Tete-a-Tete, und plötzlich trägt die Meeresbrise einen zarten Hauch von Liebe ans rettende Ufer.

Herzlichen Dank an Iwan Dimitrow f√ľrs stimmige Foto!

© Silvia Peiker 2022-05-15

B√ľcherliebe#rezension

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