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Eins zwei drei im Sauseschritt

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Eins zwei drei im Sauseschritt | story.one

Kurz vor Mitternacht stelle ich mir folgende Fragen: Warum muss eigentlich immer das schlimmste Szenario in meinem Leben die Regie ĂŒbernehmen? Ist mein Bett tatsĂ€chlich aus diesem einen Grund, den ich so fĂŒrchtete, nass?

Ein fiktiver Albtraum, aus dem ich hochschrecke, nur um in einem realen Albtraum mit geplatzter Fruchtblase aufzuwachen. Ich stupse den werdenden Vater neben mir panisch an: Aufwachen! Es ist so weit, die Tasche mit dem Nötigsten ist vorsorglich gepackt.

Meine Gedanken weilen bei den mahnenden Worten der Hebamme: Platzt die Fruchtblase, unter keinen UmstĂ€nden, auch wenn man sprichwörtlich in anderen UmstĂ€nden ist, aufstehen. Denn die Nabelschnur des Ungeborenen könnte vorrutschen und der Fötus ersticken. Das kommt zum GlĂŒck selten vor, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankrippe.

Die Wehen, lediglich ein leichtes Zwicken im unteren Bauch, pulsieren schwach, kommen lediglich alle fĂŒnfzehn Minuten. Der Rettungswagen fĂ€hrt in die stockdunkle, kalte Nacht, auf Wiens Straßen ist wenig Verkehr. Vom Ehebett ins Krankenbett. Das Fruchtwasser plĂ€tschert nicht mehr, der Muttermund ist nur leicht geöffnet, bis zur Geburt liegen noch viele Wehen, aber vor allem Stunden, vor mir. Ich lasse die homöopathischen Tabletten, die mir mein praktischer Arzt empfohlen hat, viertelstĂŒndlich unter meiner Zunge zergehen. Diese sollen den Geburtsvorgang beschleunigen, mein GynĂ€kologe ist skeptisch.

Weiterhin in der Waagrechten, der werdende Vater ist an meiner Seite. Wir vertreiben uns die Wartezeit mit Schnapsen und WĂŒrfelpoker. Sukzessive werden die Wehen stĂ€rker und die AbstĂ€nde geringer. Endlich darf ich aufstehen, nur um mich nach einem Einlauf von unnötigem Ballast zu befreien. Ich watschle den kurzen Weg zum Kreißsaal wie ein Pinguin mit PlattfĂŒĂŸen, darf mich endlich wieder wie ein homo erectus fortbewegen.

Doch beinahe hĂ€tte ich mein erstes Kind unterwegs verloren, denn jetzt geht's richtig los. Die KrĂ€mpfe, die mich im Korridor ereilen, entpuppen sich als Presswehen. Ich hab' GlĂŒck, die junge, sympathische Hebamme vom Geburtsvorbereitungskurs ist noch im Dienst und hilft mir zuverlĂ€ssig, gĂ€nzlich ohne Ă€rztliche Hilfe, unsere wunderschöne Tochter im Eiltempo auf die Welt zu bringen. Denn mein Arzt, den die Krankenversicherung meiner Firma bezahlt, steckt fest in Wiens Feierabendverkehr. Dank Homöopathie bleiben mir stundenlange, heftige Wehen erspart.

Das Wunder der Geburt, meine kleine Prinzessin, bringt gerade zarte 2,72 kg auf die Waage und muss am nĂ€chsten Morgen, nachdem sie sich ĂŒber Nacht in eine sĂŒĂŸe braungebrannte Minisquaw verwandelt hat, fĂŒr mehrere Tage unters Blaulicht.

Des Meeres und der Liebe Wellen sprudeln wonnige Mutter- und GlĂŒcksgefĂŒhle durch meinen wieder erschlankten Körper. Die Segel der Mutterschaft sind gesetzt, der Geburtstag meiner Tochter nun fĂŒr immer ein unauslöschlicher Moment und der Beginn meines neuen Lebens.

Eigenes Bild: Marc Chagall

© Silvia Peiker 2022-03-10

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