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#gnerations#eigenartig

Eishölle

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Eishölle | story.one

Gleiten, dann wieder über die festgefrorene Eisdecke des Teiches flitzen, im Wechselspiel verschiedene Tempi ausprobieren, eins sein mit der Natur. Die kräftigen Strahlen der Wintersonne wärmen meine von der Kälte geröteten Wangen, zeichnen ein gleißendes, abstraktes Muster aufs Eis.

Plötzlich vernehme ich ein unheimliches Knacken, das dünne Eis zersplittert in Sekundenschnelle und meine Kufen rutschen von der einst so spiegelglatten gefrorenen Oberfläche des Weihers, als ob sich eine verborgene Falltür geöffnet hätte, in die unergründliche Tiefe. Ich falle, nirgendwo ein Halt.

Eisige Kälte umfängt mich, als ich in das dunkle Loch sinke, das zuvor noch so winzig gewesen ist. Eiskaltes Wasser und kleine Eissplitter klatschen in mein Gesicht, verschleiern meine Sicht. Verzweifelt klammere ich mich an die scharfkantigen Bruchstücke und ich bin froh, dass ich dicke Fäustlinge trage. In Panik schreie ich nach meiner Großmutter, doch sie hört mich nicht. Wahrscheinlich plaudert sie mit den Müttern auf der Anhöhe, deren Kinder gerade jauchzend auf ihren Schlitten hinuntersausen.

Die Schlittschuhe hängen wie Bleigewichte an meinen Füßen, meine Skihose klebt schwer an meinen Beinen, und ich stelle mir vor, wie die Kadaver der toten Pferde, die die russischen Besatzungssoldaten angeblich in den Teich geworfen haben, mit ihren Mäulern nach mir gieren, mich in das Reich des Todes hinunterziehen wollen.

Irgendwo in meinem Hinterkopf blitzt eine Erinnerung auf, ich kann sie nur mühsam hervorkramen. Denn der Schock darüber, dass ich hilflos im eisigen Weiher wie ein Fisch auf dem Trockenen zapple, lähmt nicht nur meine gefühllos werdenden Gliedmaßen, sondern auch die Fähigkeit, einen klaren Gedanken zu fassen.

Jetzt fällt es mir wieder ein! Arme ausbreiten, um nicht noch einmal in dieser Eishölle zu versinken. Mit Mühe strecke ich meine kurzen Arme wie Flügel der Länge nach aus, in der Hoffnung, dass sich keine weiteren Sprünge in der beschädigten Eisschicht zeigen. Ich habe Glück, sie hält dem Gewicht meiner kindlichen Gliedmaßen stand.

Ich rufe wieder verzweifelt nach Hilfe, hört mich denn keiner? Mein Bedauern darüber, allein trotz beginnendem Tauwetter noch ein letztes Mal mit den Schlittschuhen über das Eis zu tanzen, kommt zu spät.

Ich frage mich, wie lange ich mich noch am rutschigen Rand des Eislochs halten kann, denn ein heftiges, unkontrollierbares Zittern hat meine Glieder erfasst und meine Finger werden taub.

Schweißgebadet schrecke ich im Dunkel der Nacht hoch, ein kalter Schauer durchläuft meinen schlaftrunkenen Körper.

Oft habe ich mir als Kind ausgemalt, wie es wäre, beim Eislaufen in den trüben Fluten des Teiches zu versinken. Würde ich es schaffen, der Eishölle zu entkommen? Was für ein Albtraum!

© Silvia Peiker 2021-02-03

KindheitAlles (nur) geträumt...

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