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#1sommer1buch

Unter Strom

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Unter Strom | story.one

Als Jonas, ein neunjähriger Schlingel aus Großengersdorf, an seinem ersten Tag in der ehemaligen Wohnung des Schuldirektors eintraf, die nun für die Nachmittagsbetreuung in Bockfließ genutzt wurde, unterzog er neugierig jedes Zimmer einer ausführlichen Inspektion. So geschah es, dass das naive Kind vor den Augen der entsetzten Schulwartin in Windeseile die kleine, runde Kunststoffabdeckung, hinter der sich elektrische Leitungen verbargen, entfernte, und seine Hand in die nun freie Öffnung mit den bunten Stromkabeln steckte. Sofort forderte ich ihn auf, dieses gefährliche Spiel zu beenden, denn mit Elektrizität sei nun einmal nicht zu spaßen.

Daraufhin meinte der Schüler nur lakonisch:“ Ich geh jetzt scheißen,“ woraufhin er tatsächlich für längere Zeit in der Toilette verschwand, wo ihm hoffentlich nichts mehr passieren konnte… Nach dem Besuch des stillen Örtchens schrieb Jonas den Satz: “Strom ist gefährlich!", denn Übermut tut selten gut.

Meine sechszehnjährige Tochter hatte mich in der Ferienbetreuung, die ich in den ersten drei heißen Juliwochen übernommen hatte, an einigen Tagen bei aufwändigen Bastelarbeiten, aber auch bei Ausflügen als Begleitperson tatkräftig unterstützt, da ich ja täglich von 7:30 bis 17:00 Uhr ohne Pause oder Assistentin die Aufsicht über die Schulkinder der beiden Gemeinden Blockfließ und Großengersdorf hatte.

Als Leon, der kleine Tollpatsch, sie zum ersten Mal sah, wurden seine haselnussbraunen Augen immer größer. Er lief auf mich zu und wisperte mir ins Ohr: „Ist das deine Tochter?“

Ich nickte, woraufhin er begeistert feststellte: „Die ist ja schön!“

Michelle hatte während dieser Zeit, in denen sie mich bei meiner Arbeit in den Sommerferien unterstützte, mehrere Verehrer. Der neunjährige Felix erkundigte sich bei ihr, ob sie einen Freund hätte. Michelles Antwort gefiel ihm leider gar nicht, woraufhin er von ihr forderte: “Mach Schluss mit ihm!“

Meine erstaunte Tochter erkundigte sich sogleich: “Warum?“ Felix erwiderte beleidigt: „So halt.“ Bei einem Ausflug zum neu ausgestatteten Spielplatz schenkte ihr der blonde Schüler einen Marienkäfer, den er kurz zuvor eingefangen hatte. Langsam krabbelte der gepunktete Winzling auf Michelles Hand, dann spreizte er seine Flügel und flog davon. Felix ärgerte sich natürlich, dass sein Geschenk das Weite gesucht hatte.

Auf einer halbstündigen Wanderung durch die malerischen Weinhügel zum Fußballplatz des Dorfes kamen wir auch an Maisfeldern vorbei. Plötzlich verschwand Felix zwischen den hohen Kukuruzstauden, um bald darauf mit einem Maiskolben aufzutauchen. Den bot er natürlich meiner Tochter an. Sogleich erkundigte ich mich besorgt bei ihm, ob er denn wisse, wem das Maisfeld gehört. Der Schüler mit den Schmetterlingen im Bauch versicherte mir ernsthaft: "Meinem Großvater!"

Ich konnte nur hoffen, dass er mich nicht angeschwindelt hatte, denn Klauen stand nicht auf unserem Tagesplan.

© Silvia Peiker 2020-09-13

eigenartigAlles Schule oder was

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