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#zeitkuss

Es war einmal schön

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Es war einmal schön | story.one

Ich schwebe, über mir die Wolkendecke, die mich an einen flauschigen Wattebausch erinnert. So, als hätte sie ein unbekannter Maler mit einem hellen Grau gesprenkelt im Zentrum seines Gemäldes platziert. Kühle Windböen treiben immer mehr dunkle, schwere Wolken heran. Sie türmen sich wie ein Gebirge auf, drohen ihre feuchte Last wie eine Lawine abzuwerfen.

Ich werde mir meines nassen Haars bewusst, das, während ich auf dem Rücken durch das angenehm warme Wasser des Beckens gleite, wie brauner Seetang hinter mir träge seine Bahnen zieht. Bis unvermutet die kräftige Julisonne mit all ihrer strahlenden Kraft keck hinter einem Wolkentürmchen hervorblitzt.

Mit meinen Blicken verfolge ich die roten und grünen Gondeln der Kaiserburgbahn. Mit zunehmender Höhe verlieren diese an Größe, und gemächlich schweben sie dem Kaiserburggipfel entgegen oder peilen die Talstation in Bad Kleinkirchheim an.

Ich schließe meine Augen und erinnere mich …

Ausgepowert vom steilen Anstieg und der drückenden Hitze kämpfen wir uns hoch zum Granattor der Millstätter Alpe. Dort sind wir umgeben von den Julischen Alpen, die in ihren frischen Grüntönen einen Hauch von Ewigkeit verströmen. Mit einem tiefen Atemzug nehmen wir das herrliche Panorama mit Blick auf den kitschig-blauen See in uns auf, versuchen noch einmal, eins zu sein.

Als Hoffnungsträger soll uns das Granattor dienen, eine neue Tür für ein anderes, besseres Miteinander öffnen. Der eiserne Durchgang, gefüllt mit rohem Granatgestein, ist zugleich Ausgangspunkt und Ziel für den sogenannten Weg der Liebe, den Sentiero dell’Amore, den wir beschreiten wollen. Während der Wanderung halten wir bei den sieben Stationen der Liebe inne, um uns zu fragen:

Was ist das Verrückteste, das du jemals aus Liebe getan hast?

War etwa unser Ehegelübde unsere verrückteste Liebesbotschaft?

Dem Granat selbst wird eine herzstärkende, heilende Wirkung nachgesagt. In meinen Gedanken ist er blutrot, obwohl er in allen erdenklichen Farben im Felsen schlummert. Der märchenhafte Karfunkelstein besitzt aber leider noch nicht genügend Strahlkraft, um unsere zerfledderten Herzen, ohne verloren gegangene Puzzlevorlage, wieder zusammenzusetzen.

Es war einmal, und es war einmal schön. Dieser Satz umfasst alles. Unsere Zweisamkeit, die nun vorbei zu sein scheint. Eine Auszeit von der Beziehung wollten wir uns gönnen, in uns kehren. Über alles, was geschehen und ungesagt geblieben ist, nachdenken. Macht es Sinn, dort weiterzumachen, wo wir jetzt stehen? Lohnt sich ein neuer Anstieg auf einen Gipfel, den wir noch nicht miteinander bestiegen haben?

Ruhig treibe ich weiter wie Treibholz im Thermalwasser. Schließe die Augen, meine Gedanken fließen. Es gilt, Stromschnellen zu überwinden, nicht vom Strudel in die Tiefe gezogen zu werden. Und wenn doch, dann möglichst rasch an die Oberfläche kämpfen. Noch einmal tief Luft holen, nicht aufgeben. Denn es war einmal schön.

Foto: [email protected] lauradesign

© Silvia Peiker 2021-03-16

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