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#zwischenmenschliches

Essen auf Rädern

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Essen auf Rädern | story.one

Als ich ehrenamtlich für die Caritas an Sonntagen Essen auf Rädern auslieferte, sorgte mein erstmaliges Erscheinen beim Wirten, der diese Woche mit dem Kochen der Mahlzeiten für betagte oder rekonvaleszente Mitbürger an der Reihe war, bei den Gästen an der Theke für heiteres Gelächter:

„Was, Sie rollen das Essen zu den Leuten?“ „Haben Sie Rollschuhe umgeschnallt?“

Nun, ich rollte Suppe, Hauptspeise und Beilagen natürlich auf den vier Rädern meines eigenen Autos zu Pensionist*innen, aber auch zu kranken Menschen. Aber an einem trüben Herbsttag, als der Himmel seine Schleusen geöffnet hatte und sich ein regelrechter Sturzbach über meine Heimatgemeinde ergoss, wäre mir ein Surfbrett höcht willkommen gewesen. Aber den Regenguss im schützenden Auto abzuwarten war nicht drin, denn ich hatte einen Zeitplan einzuhalten. Einige gebrechliche Personen mussten von mobilen Pflegekräften beim Essen unterstützt und die Portionen darum pünktlich ausgeliefert werden.

Schön war es, mit anzusehen, wie sich die Mundwinkel der Kund*innen nach oben bogen, wenn ich ihnen das Menü in die bereitgestellten Teller in der Küche füllte und ein kurzer Plausch ging sich meistens auch noch aus. Von einigen betagten Mitbürger*innen führte ich den Wohnungsschlüssel an einem großen Schlüsselbund bei mir. Denn in der Regel hatten die Rentner Probleme mit dem Bewegungsapparat und so ließ ich mich selbst ein und verschloss beim Weggehen wieder gewissenhaft Eingangstür und Gartentor.

Einmal staunte ich nicht schlecht über den Einfallsreichtum der Leute. Gerade als ich das erste Mal den weitläufigen Vorraum einer Seniorin betrat, erschreckte mich lautes Bellen. Obwohl ich meinen Kopf beinahe wie den einer Eule neugierig um 270 Grad im Kreis drehte, konnte ich keinen schwanzwedelnden Vierfüßler ausmachen. Des Rätsels Lösung bestand aus einer Hundeattrappe, die treuherzig hinter der Tür verborgen kläffende Geräusche von sich gab, sobald jemand das Haus betrat. So einem lustigen Bewegungsmelder war ich noch nie zuvor begegnet!

Eine nette ältere Dame hatte zwei herrenlosen Kätzchen in ihr Herz geschlossen, aber ihre kleine Pension reichte nicht aus, um Futter für die beiden Streuner zu kaufen. So packten wir Essenslieferant*innen zusätzlich Trockenfutter von daheim ein, säuberten die Futterschüsseln und befüllten sie wieder. So kamen auch Tiere in den Genuss unseres Services.

Zum Glück wusste ich auch, wie man einen Rosenkranz betet, denn eine sehr betagte, bettlägerige Katholikin, die nur mehr aus Haut und Knochen bestand, strahlte jedes Mal, wenn ich ihre kleine Kammer betrat, in der sie ihre Tage und Nächte zubrachte. Dann betete ich gemeinsam mit ihr und ihrer Tochter das Avemaria und das Mittagessen schmeckte ihr dann gleich besser.

Gern hätte mich die Caritas fix eingestellt, aber ich arbeitete ja bereits an den Wochentagen mit Kindern. Wichtige Rezeptzutaten für beide Berufe sind eine gute Prise Humor und ein offenes Ohr.

© Silvia Peiker 2021-08-09

menschenliebe

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