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#zeitkuss

Flying to the stars

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Flying to the stars | story.one

Zahlreiche Lichtkegel durchschneiden die samtene SchwÀrze der Nacht, durchdringen das Dickicht des Waldes nur vage. Links und rechts des Pfades erahnen wir lediglich schemenhaft Strauchwerk und BÀume, deren Umrisse an Scherenschnitte erinnern. Unsere Schritte dÀmpfen die unzÀhligen, von heftigen Winden herabgebeutelten Föhrennadeln, wÀhrend wir uns zielstrebig der Ruine nÀhern, die sich im WÀldchen meines Heimatortes verbirgt.

Noch rankt sich keine romantische Geschichte um den aufgegebenen Hangar rund um das Flugfeld, das einst fĂŒr SchulungsflĂŒge angelegt worden war. Achtgeben muss man auf die verborgenen SchĂ€chte der Hallen, in denen damals die Flugzeuge untergebracht waren, und die jetzt von Pflanzen teilweise zugewuchert sind. Aber die hohen Mauerreste eignen sich gut zum Klettern und meine Freundin Gusti und ich balancieren dort gerne auf den löchrigen ZiegelwĂ€nden wie SeiltĂ€nzerinnen, Aug in Aug mit den höchsten Waldriesen.

Nur wenige Jahre spĂ€ter, sechzehn Jahr', brĂŒnettes Haar, scheinen die BĂ€ume im Mai wahrlich auszuschlagen. Zum ersten Mal begleite ich meine Kamerad*innen von der katholischen Jugend auf einer nĂ€chtlichen Wanderung am lauen Pfingstwochenende, singe mit den anderen Gleichgesinnten, begleitet von Gitarrenmusik, Songs von Bob Dylan und Woody Guthrie am Lagerfeuer auf dem Grasteppich vor den schattenhaften GebĂ€uderesten. Mit Schlafsack und Decken gruppieren wir uns noch recht munter um die lodernden Scheite.

WÀhrend ich es liebe mit meinen Freundinnen zweistimmig zu singen, hörst du nur zu. Unsere Blicke begegnen sich immer wieder, meine scheu, deine unternehmungslustig. Aber wir sind nicht allein, noch kommen wir uns nicht nÀher.

Erst als es ruhig wird und die meisten schon schlafen, spĂŒre ich, wie du mich sanft am Ärmel zupfst, folge mit meinen Blicken deiner dunklen, hochgewachsenen Gestalt, die im GestrĂŒpp verschwindet. Ich warte ein paar Minuten, schĂ€le mich leise aus dem Schlafsack und folge dir.

Eigentlich bist du gar nicht mein Typ. Dein forsches und lebhaftes Temperament entspricht so gar nicht meinem ruhigen und schĂŒchternen Naturell. Aber wie zwei Pole eines Magneten, so ziehen sich unsere GegensĂ€tze unwiderstehlich an.

Im dichten Unterholz finde ich dich wartend an einen Baumstamm gelehnt. Der Mond hat sich vor den Wolkenvorhang geschoben und taucht dein Gesicht in sein fahles Licht. Ich kann dein warmes LĂ€cheln erkennen und erwidere es. Wir unterhalten uns leise, tasten uns mit Worten an den anderen heran. Bis du mich ohne Vorwarnung zu dir ziehst, deine Arme um meine HĂŒften legst, mich liebevoll umfĂ€ngst. Deine Lippen finden meine und wir versinken in Unendlichkeit, losgelöst von Raum und Zeit. Körperlos, schwebend in einer unendlichen Spirale, wĂŒnsche ich mir, dass dieser, mein erster Kuss, nie enden möge.

Über unseren Köpfen blinkt der Abendstern und ich fĂŒhle mich wie Venus, betörend, geliebt.

Dank an Marko Sellenrieg fĂŒr das tolle Foto!

© Silvia Peiker 2021-03-21

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