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Für dich soll's rote Rosen regnen

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Für dich soll's rote Rosen regnen | story.one

Mit Tränen in den Augen versuche ich, das Unfassbare in Worte zu fassen. Nie hätte ich mir gedacht, dass der fiktionale Titel des Krimis „Vienna Blood“, in dem gerade in ORF 2 Matthew Beard und Jürgen Maurer verbrecherischen Tätigkeiten um die Jahrhundertwende auf die Schliche kommen wollten, an diesem Montagabend so grausame Realität annehmen würde. Der Schock sitzt noch immer tief, Eisblumen gleich an dünnen Fensterscheiben gefror mir das Blut in den Adern. Brachte dieses schreckliche Attentat doch die längst verdränge Erinnerung an den Anschlag auf die Wiener Synagoge im August 1981 zurück.

In diesem Jahr hatte ich die hübsche Maria, die aus einer sehr gläubigen jüdischen Familie stammt, bei der Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin kennengelernt. Maria, die sich während des Gottesdienstes in einem Winkel des Tempels versteckt hatte, musste mit ansehen, wie ein junger Mann, dessen Familie sie sehr gut kannte, sein Leben im Kugelhagel verlieren musste. Mit Gänsehaut höre ich noch heute ihre eindringliche Schilderung von explodierenden Handgranaten und knallenden Gewehrsalven.

Wir haben oft über dieses grausame Massaker gesprochen, bei dem leider auch sehr viele Verletzte zu beklagen waren, und ich bewundere Maria noch heute dafür, wie es ihr mit trauriger Stimme gelang, fern von Hass und Schuldzuweisung, das Unerklärliche vor meinem geistigen Auge Gestalt annehmen zu lassen.

Ihre Eltern hatten beide Auschwitz überlebt, und es war ihnen geglückt, in ihrer Heimatstadt Wien, in der sie in den Kriegswirren von einer Mehrheit der Bevölkerung ausgegrenzt, ja stigmatisiert worden waren, wieder Fuß zu fassen. Als gelernte Goldschmiede hatten sie es geschafft, in der Innenstadt einen Laden zu eröffnen, und wenn ich eingeladen war, an der koscheren Tafel Platz zu nehmen, habe ich mich als Abkömmling der vom Wirtschaftsaufschwung verwöhnten und profitierenden Generation stets willkommen gefühlt. Nie habe ich ein Wort der Klage über die einstigen schrecklichen Vorkommnisse während des unseligen Krieges vernommen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass tiefer Glauben Verzeihen möglich macht, es fertigbringt, ein neues Leben in einer sich neu bildenden Gesellschaft zu ermöglichen.

Schon damals habe ich mir vorgenommen, dieses Verzeihen zu verinnerlichen und ich möchte all jenen rote Rosen der Liebe streuen, die so viel Leid erdulden mussten. Und für jene, die durch die Verblendung eines Unglücklichen Anfang dieser Woche in meiner so innig geliebten Geburtsstadt Leid zugefügt wurde, für sie soll es tausend rote Rosen regnen.

Foto:

Jamie Street, www.unsplash.com

© Silvia Peiker 2020-11-07

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