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#schulzeit

Gelebte Vielfalt

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Gelebte Vielfalt | story.one

Aufgeregtes Stimmengemurmel, viele kleine Hände, die ihre Mitbringsel von daheim auf den Tisch in der letzten Reihe, auf dem sich normalerweise Hausübungshefte oder Arbeitsbücher stapeln, für alle gut sichtbar drapieren. Die Schulglocke hat soeben die nächste Stunde eingeläutet, in der Sachkunde am Stundenplan der 2 b steht.

Beinahe alle Kinder haben etwas typisch Traditionelles ihres Heimat- bzw. Ursprungslandes mitgebracht. Obwohl die meisten Schüler*innen in Österreich geboren wurden, reichen ihre Wurzeln bis zu weit entfernten Kontinenten wie Asien oder Südamerika.

Minakos bunte Kraniche, die sie gemeinsam mit ihrer japanischen Großmutter symbolisch für ein langes und erfülltes Leben gefaltet hat, ziehen als Eyecatcher alle Blicke auf sich. Bald darf sich jeder einen Glücksbringer in seiner Lieblingsfarbe aussuchen, während uns die zarte Minako mit wenigen, geschickten Handgriffen zeigt, wie diese schönen Vögel aus Origamipapier entstehen.

In der Zwischenzeit stimmt Natalies Vater, der aus Venezuela stammt, spanische Lieder auf seiner Gitarre an. Ich helfe dem süßen Lockenkopf dabei, Arepas, das sind runde Maisfladen, die Natalie mit ihrer Mutter, einer Südtirolerin, gebacken hat, auszuteilen.

Wem die Fladen zu trocken sind, der beißt genüsslich in die polnischen Krapfen von Aleksander, Paczki genannt, die mit süßer Marmelade gefüllt sind und gut zur Jahreszeit passen, da ja der Faschingsdienstag nicht mehr weit ist.

Ella ist in Kopenhagen geboren und ihre für unseren Geschmack ungewohnt schmeckenden, kohlrabenschwarzen Lakritzstangen stoßen bei ihren Klassenkamerad*innen leider auf wenig Resonanz. Ich kenne diese Süßigkeit von meinem Besuch an der dänischen Nordseeküste und kann mich noch lebhaft an das Speiseeis mit Anisgeschmack erinnern.

Da kommen Elisas süße Buchteln aus der Slowakei schon besser an. Diese kenne ich aus Omas Küche, die als Sudetendeutsche schmackhafte Rezepte von tschechischen Spezialitäten nach Österreich mitgebracht hatte.

Köstlich munden die zuckersüßen Honigwürfel, Halva genannt, die Elvania, deren Familie aus Albanien eingewandert ist, austeilt. Aber auch österreichische Leckerbissen, wie die obligatorische Sachertorte, Jans Mama arbeitet in einer Konditorei, oder das selbstgebackene Roggenbrot von Marina, haben sich zur bunten, internationalen Kulinarik gesellt.

Gegen Ende der Schulstunde darf Marvin, der nicht gerade für seine Geduld bekannt ist, endlich seine Glückskekse austeilen. Seine Eltern sind aus China ins ferne Europa gekommen, und beide arbeiten in Wiener Restaurants, wo traditionelle asiatische Gerichte auf der Speisekarte stehen. Ein Keks nach dem anderen wird geknackt und die Sprüche, wie etwa „Jede Minute, die man lacht, verlängert das Leben“, sorgen noch nach der Pause für gute Stimmung.

Mein Lieblingsspruch: „Wer den Himmel im Wasser sieht, sieht die Fische auf den Bäumen.“

Danke fürs Foto: C. Garcia Tavizon

© Silvia Peiker 2021-06-09

Alles Schule oder was

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