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Geschenktes Leben

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Geschenktes Leben | story.one

„Frau P., wach werden! Aufwachen!“ Nur dumpf und unwirklich dringt die resolute Stimme in mein taubes Unterbewusstsein. Harsche Worte, die mich vehement auffordern, etwas scheinbar Unmögliches zu vollbringen, nämlich aus dem traumlosen, angenehmen Schlummer zu erwachen. Ich soll von einem schmerzlosen, unempfindsamen Schwebezustand, in den sich mein geschundener Körper zurückgezogen hat, in ein qualvolles, beängstigendes, nicht erwünschtes Bewusstsein gleiten? In jenem Moment stellte ich mir insgeheim die Frage, wer wohl den Sieg davontragen würde: die besorgte Frau in der schneeweißen Schwesterntracht oder mei Ich, das gerne noch ein wenig länger im glückseligen Nirwana bleiben möchte?

Aufgeben oder Einswerden mit dem Universum? Weiterleben! Das ist wohl die richtige Antwort auf meine ungehörige Frage. Nachdem beide Optionen zur Auswahl stehen, entscheidet sich mein unbeugsamer Überlebenswille, noch ein wenig länger auszuharren in dieser kalten Welt. Wie lang, kann man unmöglich voraussagen. Denn Kairos hat sich meiner in Form des rechten Augenblicks erbarmt. Mit Mühe öffne ich meine bleiernen Augenlider, um mich von unheimlichen Schläuchen und Apparaten umgeben im sterilen Aufwachzimmer eines Krankenhauses wiederzufinden.

Aber wie bin ich dahin gekommen? Dunkle Erinnerungsfetzen dringen auf mich in Form von starken Schmerzen ein, nachdem sich mein Wunschkind trotz schützenden Kokon der Mutterschaft gegen das aufkeimende Leben entschieden hat. Warten auf Hilfe zu später Stunde in mondloser Nacht im trostlosen Krankenhaus der Stadt Wien. Eine müde Krankenschwester, die die Ärztin erst wecken muss. Der Satz der Medizinerin: „Wenigstens ist sie keine Ausländerin", hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich will schreien: „Ich bin ein Mensch in Not!“ doch dafür habe ich keine Kraft mehr.

Ich werde noch in derselben Nacht operiert. Reste der Plazenta haben zu einer Vergiftung geführt, erfahre ich später. Ich schwebe zwischen Leben und Tod, nachdem der Fötus in mir vor ein paar Tagen abgestorben ist, aber keine Fehlgeburt ausgelöst hat. Was ich einmal habe, will ich scheinbar nicht mehr hergeben. Verständlich, die meisten werdenden Mütter freuen sich auf ihr erstes Kind. Ich war im vierten Monat, nun beginne ich wieder bei Stunde Null. Ich möchte bei meinem kleinen Engel sein, ihn in meinen sphärischen Armen wiegen und nicht von der Schwerkraft auf die Erde zurückgezogen werden.

Nachdem ich auf der Intensivstation im Abgrund zwischen Leben und Tod geschwebt bin, schlage ich die Augen erst im Einzelzimmer auf. Dieser Luxus ist wohl eine Entschuldigung der Krankenhausdirektion für die mangelnde Empathie bei der Aufnahme.

Wird mein neu entfacher Lebensfunke ein besseres Erdendasein generieren ? Wieder dringen Erinnerungen auf mich ein, dieses Mal ein Spruch meiner Großmutter: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Danke, Ekaterina Shevchenko, fürs Foto.

© Silvia Peiker 2022-05-01

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