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Gläubige Naschkatzen

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Gläubige Naschkatzen | story.one

Die Sisters werden es nicht rechtzeitig schaffen. Das bedeutete, sich in Geduld zu üben. Die Wartezeit nützen und liegengebliebene Akten abarbeiten. Selten konnte man voraussehen, wann eine Lehrabschlussprüfung ihr Ende finden würde, wann der letzte Kandidat mit siegreichem Lächeln das ersehnte Zeugnis heimtragen konnte.

Die Länge der Prüfung hing von mehreren Faktoren ab. Von der Anzahl der Prüflinge, wie gut sie vorbereitet waren, in welchem Tempo die Prüfer ihre Fragen stellten und wie elaboriert die Antworten ausfielen. Auch die Zusammensetzung der Prüfungskommission war ausschlaggebend für ein etwaiges Überziehen meines Dienstschlusses.

Meistens warteten zwölf bis vierzehn angehende Gesell*innen im schummrigen Vorraum der Konditorinnung, in der ich gemeinsam mit meiner Kollegin den Bürobetrieb schupfte. Ironischerweise saß ich auf dem sogenannten „unfruchtbaren“ Bürosessel, da meine Vorgängerinnen alle kinderlos entweder in den wohlverdienten Ruhestand entschwanden oder in die Fremde ausgewandert waren. Zum Leidwesen meiner Vorgesetzten brach ich später das Gesetz der Serie und brachte nicht nur ein Kind zur Welt, sondern gleich drei.

Aber darum geht es in dieser Story nicht, sondern vielmehr um die mannigfaltigen Köstlichkeiten, die die jungen Konditorlehrlinge in der Betriebsküche des Wiener Wirtschaftsförderungsinstituts in Handarbeit erzeugten. Gugelhupf, Torten sowie Kleingebäck wurden da aus den Backöfen gezogen, um im Finish mit Cremen oder Marmeladen gefüllt und manchmal auch mit schokoladebrauner oder weißer Kuvertüre überzogen zu werden. Die Miete für die Backstube sowie die Backzutaten wurden von der Innung aus dem Erlös des Zuckerbäckerballs beglichen, dessen Einnahmen ausschließlich wohltätigen Zwecken wie etwa der Lehrlingsförderung zukamen. Das Gesellenstück, eine besonders elaboriert dekorierte Torte, durften die frisch gebackenen Gesell*innen mit nach Hause nehmen, die restlichen Gugelhupfs, Kipferl, Kekse und Rouladen wurden an katholische Kinderheime gespendet.

Da die Prüfungen meist erst am späten Nachmittag oder in den frühen Abendstunden endeten, mussten die Nonnen ihren Kombi durch den dichten Berufsverkehr schlängeln und waren dabei mehr als einmal im Stau steckengeblieben. Aber es lohnte sich, denn die Innung konnte die Leckereien einem guten Zweck zuführen und nichts musste entsorgt werden.

Diese süßen Verlockungen konnten zu jener Zeit gespendet werden, weil die Mehlspeisen frisch waren und nicht in den Verkauf gelangten, obwohl die Hygienevorschriften trotzdem streng waren und gemäß Lebensmittelcodex eingehalten werden mussten.

Die Klosterschwestern freuten sich jedenfalls stets auf die süße Jause mit ihren Schützlingen und es gab niemals Beschwerden wegen Unverträglichkeiten. Schade, dass das Spenden von Lebensmittel so schwierig geworden ist, Abnehmer gäbe es bestimmt genug.

Dank an Viktor Talashuk fürs Foto!

© Silvia Peiker 2021-05-27

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