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#reiffürdieinsel#copstories

Hinter irischen Gardinen

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Hinter irischen Gardinen | story.one

Langsam, mit einem metallischen Klirren, schiebt sich die schwere Gittertür, die von einem kleinen Motor angetrieben wird, zur Seite. Nur zögerlich setze ich einen Fuß vor den anderen. Voll Unbehagen betrete ich denjenigen Teil der Polizeiwache, der, gut abgeriegelt, Gesetzesübertreter aus der heilen Welt des Alltags in die räumlich beschränkte Sphäre einer vergitterten Zelle katapultiert. Ein Unfall im eigenen Land ist schon schlimm, aber im Ausland, fern von der Heimat unter Fremden, stellt für mich das Schreckensszenario dar, das ich mir in meinen schlimmsten Träumen niemals ausmalen wollte.

Gestern noch heile Welt, heute Chaos. Um den Bandsalat zu entwirren, drücke ich rewind.

Der Kofferraum ist mit unserem Gepäck vollgepackt. Mit unseren drei Kindern auf der Rückbank rollen wir Richtung Dublin. Alle sind wir wohl noch in Gedanken beim gestrigen Ausflug, der uns zum Poulnabrone Dolmen im Burren führte. Der sogenannte Portal Tomb ist ein steinernes Grabmal aus der Jungsteinzeit. Zwei senkrecht stehende Steine bilden eine Kammer, die mit einem Türstein vorne und einem schweren Deckstein oben verschlossen ist. Der hole of sorrows hatte wohl seine Schatten vorausgeworfen, aber das konnten wir an unserem letzten, endlich regenfreien Ferientag im County Clare nicht erahnen.

Ein Traktor macht das Vorwärtskommen auf der engen Landstraße fast unmöglich, der beste aller Väter betätigt den Blinker. Wir müssen ja noch ein Quartier in Dublin für unsre letzte Nacht auf der grünen Insel finden. Unser Auto schert aus, setzt zum Überholen an. Gleichzeitig hinter uns hat ein Ire dieselbe Idee. Der beste aller Väter erkennt im Rückspiegel die brenzlige Lage, will ausweichen und wählt hektisch, da er ja Rechtsverkehr gewohnt ist, die falsche Fahrbahnseite.

Unsere Ohren dröhnen vom lauten Krach, durch den Aufprall werden wir in unsere Sitze zurückgeworfen. Die Kinder und ich schreien, als wir sehen, wie das Auto hinter uns gegen den niedrigen Steinwall, der die Weide von der Fahrbahn trennt, geschleudert wird.

Stille, das laute Rattern des Traktors verliert sich in der Ferne. Dessen Fahrer hat vom Drama nichts mitbekommen. Benommen steigen wir aus dem Leihwagen, sind unversehrt. Auch die Insassen des anderen Unfallautos, ein Vater mit seinen beiden Kids auf der Heimreise vom Golfspielen, sind wohlauf. Während unser Auto nur einen leichten Blechschaden hat, ist der Firmenwagen des Iren nicht mehr fahrtauglich, muss auf den Abschleppwagen warten. Wir entschuldigen uns bei der Familie für den Fahrfehler.

Dann folgen wir den freundlichen und hilfsbereiten Gardaí aufs Polizeirevier in Ennis, wo sie sich ständig erkundigen:

Have you been injured?

Da keiner verletzt ist, wird es eine Versicherungssache. Unsere Kids haben ein dringendes Bedürfnis, die Toiletten sind im Gefängnistrakt, wo wir zum Glück nicht bleiben müssen. Später fahren wir nach Dublin weiter und danken unserem Schutzengel.

Foto: Jorge Salvador

© Silvia Peiker 2021-02-17

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