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#kunst

Il sorriso

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Il sorriso | story.one

IIhr geheimnisvolles LĂ€cheln begegnete mir zum ersten Mal in den geheiligten Hallen der Medici, den Uffizien. Leider nicht face to face, sondern in Ansichtskartenformat auf einem drehbaren VerkaufsstĂ€nder, der unter den Arkaden, geschĂŒtzt vor der unbarmherzigen Augustsonne, dem Tourist*innenansturm seine Kunstdrucke keck unter die Nase hielt. FĂŒr La Gioconda, die RĂ€tselhafte, konnte ich mich in Florenz, an dessen Ufern der glitzernde Arno mĂ€andert, so gar nicht erwĂ€rmen. Ich verstand nicht, warum sich die Kunstwelt fĂŒr die leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln der Lisa di Noldo Gherardini, deren angedichtete Schönheit auf mich keinerlei Reiz ausĂŒbte, begeistert.

Meine Ansicht sollte erst an einem klirrend kalten Novemberabend in der Stadt der Liebe revidiert werden. Als ich der Tochter eines florentinischen Manufakturbesitzers im ehrwĂŒrdigen Louvre sprichwörtlich Aug' in Aug' gegenĂŒberstand, packte mich der Zauber ihres unergrĂŒndlichen LĂ€chelns regelrecht am Schlafittchen, um mich nie wieder loszulassen. Ich erlag Leonardos Mona Lisa vollends, an deren Bildnis das Universalgenie drei kreative Jahre tĂŒftelte, um ihr Andenken und seine Kunstfertigkeit fĂŒr die Ewigkeit zu bewahren.

Aufgewachsen im sĂŒdlichen Vinci, das sich malerisch in die hĂŒgelige Toskana mit ihren schattenspendenden Olivenhainen und schmucken WeingĂ€rten schmiegt, wandte der hochbegabte, unehelich geborene Sohn eines Notars die spezielle Sfumato-Maltechnik an, bei der mehrere Farbschichten ĂŒbereinander aufgetragen werden, wobei diese miteinander zu verschwimmen scheinen. Wie durch Zauberhand wird bei den Betrachtern des GemĂ€ldes die Impression einer Frau erweckt, die diese, egal aus welcher Perspektive, stets anlĂ€chelt.

Leonardo hatte eine Ikone der Kunstgeschichte geschaffen, deren Herkunft jedoch nicht eindeutig festgestellt werden konnte. Zahlreiche Geschichten ranken sich um die mysteriöse, aus adeligem Haus stammende Lisa, die einmal als Geliebte von Lorenzo de Medicis jĂŒngerem Bruder Guiliano genannt wird, dann wieder gemĂ€ĂŸ dem Kunsthistoriker Giorgio Vasari als 15-jĂ€hrige Braut dem Florenzer Tuch- und SeidenhĂ€ndler Francesco del Gioconda fĂŒnf Kinder schenkt.

Das GemÀlde, das einst Napoleons Schlafzimmerwand zierte, könnte einiges erzÀhlen, wÀre es abgesehen vom geheimnisvollen Flair noch zusÀtzlich mit Sprache gesegnet. 1911 verschwand das Kunstwerk auf unerklÀrliche Weise aus dem Louvre. Erst als zwei Jahre spÀter der Handwerker Peruggia, der zur Zeit des Diebstahls im französischen Nationalmuseum tÀtig gewesen war, das kostbare PortrÀt dem Direktor der Uffizien zum Kauf anbot, konnte das RÀtsel um den spektakulÀren Kunstraub gelöst werden.

Nun forderten italienische Nationalisten den Verbleib des GemĂ€ldes in Leonardos Heimatland. Doch nachdem es in einigen bekannten italienischen Museen ausgestellt worden war, kehrte es wieder in den Schoß der Grand Nation zurĂŒck.

© Silvia Peiker 2022-06-21

Kunstmomente

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