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Jahresringe

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Jahresringe | story.one

Manchmal wĂŒnsche ich mir eine wehrhafte Schale wie die Rosskastanie, um den Anforderungen des Lebens besser gewappnet entgegen zu treten. Jahr um Jahr lese ich die glĂ€nzenden Kastanien auf, und wenn mein Blick hoch zum schĂŒtter gewordenen Astgewirr streift, versetze ich mich in Gedanken versunken in den krisengeschĂŒttelten Kastanienbaum und fĂŒhle mit ihm:

Deine Wurzeln schlÀngeln sich tief ins Erdenbett, das dich mit seiner WÀrme, wenn der fahle Mond aufgegangen ist und du deine Krone zur Ruhe senkst, sanft umfÀngt. Daheim bist du unter dem weiten Himmelsdach und stoisch trotzt du Hitze, Regen, KÀlte und Schnee.

Wenn der Tag anbricht, freust du dich schon auf den ersten Sonnenstrahl, der dich im kecken Morgenrot wachkitzelt. Dann streckst und reckst du deine Äste und Zweige, die sich bei jedem LĂŒftchen leise rĂ€keln. Du atmest tief ein und verwandelst mit Hilfe des gelben Feuerballs dein kostbares Lebenselixier, das BlattgrĂŒn, in saubere Luft, die wir doch alle so dringend zum Atmen benötigen.

Nach der langen Winternacht, in der du frierst, wenn kein weißer Mantel die klirrende KĂ€lte abwehrt, wartest du schon ungeduldig auf den lauen Atem des FrĂŒhlings, der deine verschlossenen BlĂŒten zum Knospen bringt. Ihr sĂŒĂŸlicher Duft lockt dann SchwĂ€rme von Insekten an, deren BestĂ€ubung dich auf viele FrĂŒchte hoffen lĂ€sst. Wild schlĂ€gt dein Herz im knorrigen Stamm, wenn Rotkehlchen- oder MeisenpĂ€rchen im Schutz deiner mĂ€chtigen Baumkrone zarte Zweige und Moos zu einem Nestchen flechten. Kaum kannst du es erwarten, wenn der erste winzige Schnabel die Schale durchbricht und ein anfĂ€nglich noch schwaches Piepsen dein hölzernes Innerstes mit Musik erfĂŒllt. Wehmut ergreift dich, wenn die Vogelkinder ihre Schwingen zum ersten Flug erheben, denn dann ist gewiss, dass sie bald weiterziehen werden.

Ach, wie fĂŒrchtest du den trockenen Sommer, dessen tropische StĂŒrme dein grĂŒnes BlĂ€tterkleid verwelken lĂ€sst, noch bevor die herbstlichen Temperaturen alles Chlorophyll herauslaugen und deine einst prĂ€chtige Zier braungefleckt und brĂŒchig wie Pergament leise zu Boden fĂ€llt. Das Nass des Himmels ist dann knapp bemessen und der glĂŒhende Feuerhauch dieser durch DĂŒrre und Wassermangel geprĂ€gten Jahreszeit schĂ€digt deine Rinde, gibt SchĂ€dlingen Gelegenheit, deinen Lebensquell, den Stamm, und dein stolzes BlĂ€tterkleid zu zerstören. Nun sehnst du dich nach einem weißen Kalkanstrich, der dich vor der unbarmherzigen Sonne zu schĂŒtzen vermag.

Wenn die Zugvögel gen SĂŒden aufbrechen, umhĂŒllt eine stachelige Schale deine Frucht wie einen schĂŒtzenden Kokon, sie liegt dann verborgen unter raschelndem Laub.

Auch wir erblĂŒhen im FrĂŒhling, erleben stĂŒrmische Sommer, aber auch Flauten, genießen den goldenen Herbst, um uns dann im Winter auf all die schönen Augenblicke zu besinnen, die uns vergönnt waren. Wir lernen von den BĂ€umen, die uns geduldig mit Schatten, reicher Ernte, Sauerstoff und ihrer Schönheit tausendfach beschenken.

© Silvia Peiker 2020-10-04

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