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#1sommer1buch

Jesus Christ Superstar

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Jesus Christ Superstar | story.one

Für den Wonnemonat Mai hatte ich eine Exkursion für die Erstklässler in das Theatermuseum am Lobkowitzplatz angesetzt. Im kleinen, luftigen Innenhof des prächtigen Palais erkundigte sich unsere Workshopleiterin bei den Burschen und Mädchen nach deren Lieblingsmärchen. Bald schon schwirrten so bekannte Klassiker wie etwa „Rotkäppchen", "Hänsel und Gretel" oder "Schneewittchen" durch den mit warmer Sommerluft gefüllten Hof. Als die Reihe an den stets quirligen Marvin kam, rief er fröhlich: Mein Lieblingsmärchen ist „Jesus!“ Mit dieser Antwort hatte wirklich niemand gerechnet und die verblüffte Dame erklärte ihrer jungen Zuhörerschar, dass Jesus eine bedeutende Figur aus der Bibel ist und mit Märchen eigentlich nichts am Hut habe.

Im Anschluss an die Fragerunde sollten wir dann eine beliebte Märchenfigur pantomimisch darstellen. Dieses Mal erstaunte uns aber Marina, indem sie mit ihrer hellen Stimme das Rätsel um ihr Märchen, das niemand erraten konnte, auflöste: „Meine Lieblingsmärchenfigur ist Jesus.“ Verdutzt fragte mich nun unsere kompetente Führerin mit leiser Stimme, ob denn diese Gruppe besonders religiös wäre. Ich musste peinlich berührt verneinen, denn gerade Marvin und Marina besuchten weder den katholischen, evangelischen noch islamischen Religionsunterricht, vielleicht dachten sie ja deshalb, Jesus wäre eine erfundene Märchenfigur...

Bald kamen wir zum besten Teil des Workshops und alle, egal ob groß oder klein, durften auf einer sehr langen, steilen Metallrutsche in das Kellergeschoß des barocken Gebäudes hinabsausen! Diese flotte Rutsche war das Highlight unseres Ausflugs, sämtliche Schüler und Schülerinnen schwärmten noch Jahre später davon.

Auf der mit allerlei technischen Raffnissen ausgestatteten Bühne sollten die Kleinen nun mutige Prinzen, anmutige Prinzessinnen, einen feuerspeienden Drachen und ein würdiges Königspaar mimen. Es versteht sich wohl von selbst, dass die tapferen Prinzen nach ihrer langen Reise über das gefährliche Meer siegreich gegen den Drachen kämpften und die Herzen der Prinzessinnen mit Bravour erobern konnten. Herzlich mussten alle lachen, als die kleine Marina, die sich so richtig in ihre Prinzessinnenrolle eingelebt hatte, ihren feschen Prinzen Philipp , der nicht so recht wusste, wie ihm geschah, plötzlich umarmte und freudestrahlend abbusselte. Mit dieser Aktion hatte wahrlich niemand gerechnet und ich beeilte mich, den nicht erfreuten Philipp vor den überschwänglichen Liebesbezeugungen seiner Theaterbraut zu retten.

Die Zeit war während des Probens und der Aufführung unseres turbulenten Theaterstücks wie im Nu verflogen! Mit Wehmut nahmen wir Abschied vom Theatermuseum und ich war mir sicher, dass wir mit dem neu ersonnenen Märchen rund um Jesus einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatten.

© Silvia Peiker 2020-09-05

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