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#1sommer1buch#mutmacher

Kampf ums Diplom

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Kampf ums Diplom | story.one

Wagemutig, wie schon etliche Grünschnäbel vor mir, zückte ich meine imaginäre Gänsefeder, um jene unterhaltsamen, aber auch berührenden und abenteuerlichen Erfahrungen, die ich im schillernden Kaleidoskop der schulischen Nachmittagsbetreuung gesammelt hatte, in Worte und Sätze zu kleiden. Denn nun beabsichtigte ich, mein imaginäres Gedankengestrüpp zu entwirren, meine oftmals turbulenten Erlebnisse zu ordnen und in die richtige Reihenfolge zu bringen, diese unauslöschlichen Ereignisse, die mein Leben bereichert und beizeiten auch etwas durcheinander gebracht oder erschwert hatten. Ich wollte von den schönen Facetten dieses Berufes erzählen, vom Anblick der strahlenden Kinderaugen beim Töpfern oder die ausgelassene Freude der Burschen und Mädchen auf dem Spielplatz oder im Turnsaal beschreiben.

Als Höhepunkt in meinem beruflichen Werdegang hatte ich als eine der ersten AbsolventInnen in Österreich mein Diplom persönlich aus den Händen der Unterrichtsministerin in einer feierlichen, mit klassischer Musik untermalten Zeremonie im Festsaal der Hochschule empfangen. Eigentlich musste ich mit der damals amtierenden Ministerin Claudia Schmied um die Urkunde, die mir den wohlverdienten, einzigartigen Titel „Akademische Freizeitpädagogin“ verlieh, kämpfen. Beim Posieren für das Foto hielt besagte Politikerin mein Diplom in ihren gepflegten Händen, was ich aber, aufgeregt wie ich nun einmal war, nicht einsehen wollte, denn es war ja nun mein Hochschulzeugnis! Entschlossen schnappte ich mir ein Ende der Urkunde, um es den zierlichen und doch zugleich kräftigen Händen der Ministerin zu entwinden. Frau Schmied ließ nicht los, ich auch nicht, und man kann sich bestimmt die verblüffte Miene besagter Dame vorstellen, der ich wild entschlossene Blicke im Gerangel um meine Urkunde zuwarf!

Unsere Auseinandersetzung wurde natürlich von den anwesenden Berufsfotografen eingefangen, was mir beim Betrachten der Fotos mit anderen Kolleginnen im Nachhinein nun doch etwas peinlich war. Das Bildmaterial zeigte deutlich unser hitziges Handgemenge rund um das begehrte Dokument, das das säuerliche Lächeln der Ministerin, den indignierten Blick des Hochschuldirektors und meinen sichtlich bemüht fröhlichen Gesichtsausdruck für die Ewigkeit eingefangen hatte. Glücklicherweise wurde lediglich das Gruppenfoto von den 65 ersten Absolventen und Absolventinnen des ersten Hochschulkurses für FreizeitpädagogInnen österreichweit in der Niederösterreichischen Zeitung veröffentlicht. Wie die Orgelpfeifen posierten und strahlten wir frischgebackenen Freizeitpädagoginnen und –pädagogen mit den grellen Blitzlichtern der Fotografen um die Wette. Und ich konnte als einzige behaupten, dass ich mir mein Diplom wahrlich erkämpft hatte!

© Silvia Peiker 2020-09-09

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