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#1sommer1buch

Leon, der Tollpatsch

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Leon, der Tollpatsch | story.one

Im oberen Stockwerk des neu gebauten Kindergartens gab es eine Glocke, damit die Pädagoginnen während des Mittagessens das Läuten hören konnten, wenn jemand an der verschlossenen Eingangstür im Erdgeschoß Einlass begehrte.

Während wir in der Mittagspause das schmutzige Geschirr von den Kindertischen abräumten, übertönte plötzlich ein gellender Schmerzensschrei das Klappern und Klirren der Teller und Gläser! Man kann sich vorstellen, wie hurtig die großen und kleinen Kinder zur Quelle des Radaus, nämlich zum tollpatschigen Leon, eilten!

Der neugierige Bub hatte versucht, seinen Mittelfinger zwischen den metallischen Körper der Glocke und die weißgestrichene Wand, an der sie befestigt war, zu stecken. Leider erfolgreich! Nun konnte er seinen Finger aber aufgrund des scharfen Metallrandes des Glockengehäuses nicht mehr herausziehen.

Hurtig holte ich ein sauberes Besteckmesser aus dem Speisesaal und drückte mit dessen Hilfe den Klangkörper der Glocke von der weißgetünchten Korridorwand weg und voilà, Leon konnte seinen eingeklemmten Finger ohne nennenswerte Blessuren wieder herausziehen. Experiment gelungen, Finger heil!

Am letzten Schultag vor Weihnachten veranstalteten die vier Grundschulklassen anstelle des Unterrichts am Vormittag eine Weihnachtsfeier, zu der der Bürgermeister des kleinen Dorfes als Ehrengast eingeladen worden war. Die Mädchen und Burschen sangen mit ihren hellen, klaren Stimmen mehrstimmige Weihnachtslieder , wobei sie von der engagierten, jungen Klassenlehrerin der dritten Klasse auf der Gitarre und von ein paar fleißigen SchülerInnen auf der Blockflöte begleitet wurden. Besinnliche Gedichte zur Weihnachtszeit und eine flotte Tanznummer der Kinder der vierten Klasse rundeten den festlichen Reigen schließlich ab.

Nach einer kurzen Pause, in der die Burschen und Mädchen ihre Schuljause verzehrten, wollte man in Begleitung des Dorfoberhauptes den vorweihnachtlichen Schulgottesdienst in der alten Wehrkirche zelebrieren. Natürlich sollten noch alle Kinder die Toilette aufsuchen, was auch Leon tat. Leider versteckte sich der kleine Naseweis hinter der Tür des Vorraumes der Burschentoilette, und als ein anderes Kind diese Tür schließen wollte, steckte Leons Mittelfinger plötzlich zwischen Tür und Türstock, was natürlich sehr schmerzhaft war.

Die Direktorin kam wie von der Tarantel gestochen die Treppe zum ersten Stock hinaufgelaufen, um nach der Quelle des Lärms Ausschau zu halten. So schnell hatte ich sie noch nie zuvor die Distanz zwischen der Direktion im Erdgeschoß und dem breiten Sitegenhaus einschließlich des Korridors, der zu den Toiletten im hinteren Teil des zweiten Stockes führt, zurücklegen sehen.

Ich kühlte den wunden Finger des Pechvogels und tröstete ihn mit selbstgebackenen Weihnachtskeksen, die wieder ein Lächeln auf sein Gesicht zauberten. Und bald schon konnte auch Leon den weihnachtlichen Segen vom Pfarrer empfangen.

© Silvia Peiker 2020-08-31

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