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#1sommer1buchtirol

Marderspuren

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Marderspuren | story.one

Eigentlich hatten wir immer ganz gewöhnliche Haustiere wie Degus, Hasen, Hunde oder Katzen. Aber eines Tages gesellte sich klammheimlich ein selbstbewusster Marder aus dem nahen WĂ€ldchen zu dem illustren Reigen unserer großen und kleinen Vierbeiner.

Wie wir es bemerkt haben? Unseren Naturrasen zierten plötzlich eklige HĂ€ufchen. Diese hĂ€tten auch auf die Nachbarskatze hindeuten können, aber sie waren mit Holunder- bzw. Vogelbeeren garniert, und FrĂŒchte zĂ€hlen schließlich zur Nahrung der nachtaktiven Raubtiere.

Unser neues Familienmitglied machte auch bald dem unrĂŒhmlichen Ruf seiner Artgenossen alle Ehre, indem er am Benzinschlauch unseres damaligen GefĂ€hrts knabberte, was bei einer Kontrolle in der Werkstatt repariert werden musste.

Bei aller Liebe, aber jetzt musste eine Marderabwehr her! Zuerst versuchten wir es mit angeblich erprobten Hausmitteln, wie mit dem Verstreuen von abgeschnittenem Haar rund ums Auto, da das nachtaktive Tier den Geruch von Menschen ja angeblich meidet. Unser Abstellplatz sah jetzt so aus, als hĂ€tte ein Friseur auf der Walz dort sein Studio aufgeschlagen. Den Marder störten die HaarbĂŒschel jedenfalls nicht, er hinterließ nach wie vor seine schmierigen PfotenabdrĂŒcke, wenn er fröhlich ĂŒber Heck- und Windschutzscheibe schlitterte.

Nun musste eine Marderabschreckfalle her! Diese funktionierte mit Ultraschall, dessen hohe Frequenz lediglich unsere Kinder abschreckte, die sich vor und nach jeder Autofahrt erbost die Ohren zuhielten. Der Marder nahm jedenfalls scheinbar unberĂŒhrt keine Notiz davon und hauste vergnĂŒgt weiter in unserem Garten. Der nĂ€chste Versuch mit dem Auslegen von Mottenkugeln vertrieb zwar etwaige Nachtfalter, aber nicht das scheue Tier, das sich tagsĂŒber kaum blicken ließ. Ein angeblich weiteres probates Mittel, das VersprĂŒhen von Urin, war keine Option, denn wir wollten unseren Garten ja nicht in eine BedĂŒrfnisanstalt verwandeln. Schließlich streckten wir die unnĂŒtzen Waffen und freundeten uns damit an, ein recht ungewöhnliches Haustier zu beherbergen.

Unser Marder wurde dann sogar so zutraulich, dass er sich hin und wieder zu nĂ€chtlicher Stunde zeigte. Eines Nachts, meine theaterbegeisterte Freundin Karin und ich waren gerade vom Englischen Theater heimgekehrt, wo uns eine fantastische Katharina Stemberger im StĂŒck „Witness for the prosecution“ in ihren eiskalten Bann gezogen hatte. Angeregt plauderten wir noch in Karins dunklem Peugeot ĂŒber den skurrilen Mord, als plötzlich der Marder aus dem nahen WĂ€ldchen erschien, mit einem Satz auf die noch warme Motorhaube sprang und uns mit leuchtenden Augen durch die Windschutzscheibe anblitzte, als wĂŒrde er uns sagen wollen: "Sperrstunde!"

Karin stammelte erschrocken: “Ihr habt ja ungewöhnliche Haustiere.“

In der Tat, denn nach ein paar Schrecksekunden unsererseits hĂŒpfte er elegant auf den Gehsteig, um wie der Blitz hinter unserem Gartenzaun zu verschwinden.

© Silvia Peiker 2020-09-30

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