skip to main content

#tagebuch

Marie Valérie

  • 199
Marie Valérie | story.one

„Die Einzige“ wird sie genannt, das ungarische Kind, das im Königreich der Magyaren als dritte Tochter von Elisabeth und Franz Joseph am 22. April 1868 geboren wird. Im zarten Alter von sieben Jahren fasst Marie Valérie den Entschluss, ihre anfänglich noch kindlichen Gedanken einem Diarium anzuvertrauen. Als die Seiten des ersten Heftes gefüllt sind, verewigt sie ihre Erlebnisse in ein in Leder gebundenes Buch, dessen Einband die Kaisertochter mit Krone zeigt. Die literarische Begabung hat sie so wie ihr Bruder Rudolf von ihrer schönen Mutter, die ständig auf Reisen ist, geerbt.

Das Lesen ihres Tagesbuches erscheint mir fast wie ein Sakrileg, denn Marie Valéries geheimste Wünsche, ihr romantisches Sehnen nach einer Liebesheirat, aber auch ihre Tränen, werden durch die Publikation ans Tageslicht gezerrt und stellen das Lieblingskind der Kaiserin in den Fokus all jener, in deren Köpfen die Legende Sisi unentwegt herumspukt. Der hübschen Erzherzogin, die, umringt von Dienern und Hofdamen, ausgesetzt dem Hoftratsch und den neugierigen Blicken des Volkes, von Kindesbeinen an im Rampenlicht der Habsburger Monarchie steht, war schon zu Lebzeiten nur wenig Privatsphäre vergönnt. Die Tagesabläufe, egal ob in Schloss Gödöllö, in der Hofburg oder in Schönbrunn, sind streng reglementiert. Abwechslung bieten die zahlreichen Besuche der Verwandten des europäischen Hochadels, deren Charakter und Erscheinung die junge Prinzessin kritisch beurteilt.

Marie, die als einziges der Kaiserkinder von der rastlosen und oft depressiven Mutter aufgezogen wird, darf 1890 ihren Jugendfreund, Erzherzog Franz Salvator, ein Spross der österreichisch-toskanischen Linie, in ihrem geliebten Ischl ehelichen. Aus anfänglicher Vertrautheit und Freundschaft entwickelt sich eine große Liebe, der zehn Kinder entspringen.

Monate vor der Tragödie bemerkt sie Rudolfs verändertes Wesen, schreibt dieses jedoch der Gefühlskälte seiner Ehe zu. Mit ihrer Schwester Gisela ist sie den gramgebeugten Eltern eine große Stütze, als der Kronprinz am 30. Jänner 1889 seinem eigenen Leben und dem seiner jungen Geliebten ein Ende in Mayerling bereitet. Die Kaiserin, seine Ehefrau Stephanie und die jüngste Schwester erhalten jeweils einen Abschiedsbrief. Marie Valérie bewahrt Rudolfs letzte Worte auch über ihren eigenen Tod hinaus.

Etliche Seiten der Tagebücher wurden vermutlich von der jungen Mutter eigenhändig herausgerissen und verbrannt. Auch ich bin der Ansicht, die Welt muss nicht alles über die tragischen Umstände der zahlreichen Todesfälle erfahren, die die Habsburger wie ein Blitz aus dem Hinterhalt treffen. Jedoch als ihre geliebte Mutter am 10. September 1898 vom Anarchisten Lucheni in Genf ermordet wird, berichtet sie akribisch jede Einzelheit, auch wie ihr der Vater fassungslos am Fuß der großen Treppe in Schönbrunn weinend in die Arme fällt.

Marie Valéries berührende Aufzeichnungen enden kurz nach Elisabeths Tod.

© Silvia Peiker 2021-11-14

Bücherliebe#rezension

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.