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#traum#großeltern#gruseln

Mit Rosen bedacht

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Mit Rosen bedacht | story.one

Wedeln, elegant durch den Schnee zu flitzen, davon bin ich noch weit entfernt. Auf dem Idiotenhügel übe ich emsig Stemmbogenfahren, verlagere mein Gewicht beim Richtungswechsel und bemühe mich, an den provisorisch gesteckten Toren auf dem rutschigen Hang vorbeizugleiten.

Der Wintersportort Radstadt im verzauberten Salzburger Land zieht für mich und meine Klassenkamerad*innen einen strahlend blauen Himmel aus der Wundertüte. Das wolkenlose Blau hebt sich von der Skyline der zackigen Zuckerhüte rundherum prächtig ab und die wärmenden Strahlen der Februarsonne verwandeln die weiße Piste in ein glitzerndes Schneemeer. Tief atme ich die klare Luft in meine Lungen und kehre zufrieden und ausgepowert mit dem Bus ins Bundesschullandheim, das sich nobel im ehemaligen Schloss Tandalier eingenistet hat, zurück.

Die rabenschwarze Nacht wirft ihren Mantel über das alte Gemäuer und die glänzenden Glasaugen der vielen ausgestopften Tiere blitzen in der schummrigen Beleuchtung auf und verbreiten eine gruselige Aura. Die vielen Hirsch- und Gamsgeweihe werfen bizarre Schatten an die weiß getünchten Wände und mahnen an ihr trauriges Schicksal.

Ich kehre mit meinen fünf Zimmergenossinnen vom Gemeinschaftsbad zurück ins enge Zimmer. Aufgedreht klettern wir in unsere Stockbetten und lassen die Ereignisse des Skitages Revue passieren, resümieren, wer wie oft in der Schneewechte gelandet ist und versuchen die wichtigste Frage zu klären: Wer von den Burschen wohl den größten Schneid hat. Schließlich übermannt mich der Schlaf und ich schließe meine Lider.

Im pechschwarzen Dunkel des Traums erscheinen wie aus dem Nichts zu meiner großen Verwunderung meine lieben Großeltern. Meine Großmutter nimmt mich an der Hand und bringt mich zu unserer Gärtnerin, bei der wir einen großen Kranz mit schönen roten Rosen aussuchen.

Plötzlich sehe ich Oma und Opa im Sarg liegen. Der Deckel ist halb geöffnet und beide sehen aus, als wären sie eben erst eingeschlafen. Der Rosenkranz schmückt Opas letztes Zuhause und ich bin froh, als Oma wieder die Augen aufschlägt und aus dem Sarg klettert. Doch Opa scheint noch sehr müde zu sein, denn er liegt nach wie vor reglos in seinem.

Als das erste fahle Tageslicht zaghaft durch den schmalen Spalt im Vorhang blinzelt, schrecke ich hoch. Mein Kopf schmerzt und kalte Schauer rieseln durch meine schmerzenden Glieder. Das Fieber steigt und das Skirennen, das in Bälde startet, muss ich leider sausen lassen.

Mit der Bahn geht's dann wieder zurück nach Niederösterreich und als ich heimkomme, liegt mein kranker Opa bereits im Sterben. Und nur zu bald schon hole ich mit Oma, die ihren Ehemann noch viele Jahre überleben wird, den Kranz, den rote englische Teerosen, die Lieblingsrosen meines Großvaters, schmücken.

"Guten Abend, gut’ Nacht,

mit Rosen bedacht,

mit Näglein besteckt,

schlupf unter die Deck’:

Morgen früh,

wenn Gott will,

wirst du wieder geweckt."

Dank an Biel Morro für das bezaubernde Rosenmeer.

© Silvia Peiker 2021-10-31

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