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#unbeschwertesreisen#reiffürdieinsel

My Bonnie lies over the ocean

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My Bonnie lies over the ocean | story.one

Der See, auf dem wir gemächlich entlang gleiten, ist so dunkel, als schwemmte er die Nacht in seine unergründlichen Tiefen. Selbst die Wellen, die gegen das kleine Ausflugsboot schlagen, scheinen mir zuzuwispern: „Beware of the monster!“

Ob hier tatsächlich ein saurierähnliches Wesen haust, werden auch wir nicht klären können. Wir stellen aber fest: Loch Ness verdient sich sein schauriges Flair als einer der ausgedehntesten und tiefsten Seen Großbritanniens zu Recht.

Nun steuern wir Inverness an, die Hauptstadt der Highlands, wo wir in einem Imbisslokal mit herzlicher Bewirtung die besten Chips verspeisen. Dort bemühe ich mich eine Verbindung zu British Airways in der Lost & Found Abteilung herzustellen. Ich will klären, ob unsere beiden Koffer, die in Heathrow gemeinsamen mit unzähligen anderen Gepäckstücken unserer Mitreisenden aufgrund der neuen Sortieranlage verloren gingen, schon aufgetaucht sind. Leider Fehlanzeige, sie suchen noch immer.

In der Zwischenzeit haben wir uns bereits neu eingekleidet und benötigen nur noch einen Reiseführer, den wir in einer Buchhandlung, die sich überraschenderweise in einer ehemaligen Kirche eingenistet hat, entdecken. Der Buchhändler ist sehr freundlich und rät uns, beim Battlefield von Culloden vorbeizuschauen, auf dem im April 1746 zahlreiche schottische Clans bis auf den letzten Mann ausgemerzt wurden.

Der beste aller Väter und ich wandern über das ehemalige Moor, halten inne bei den vielen Gedenksteinen, die die Gräber der Helden markieren. Mich überfällt tiefe Traurigkeit, wenn ich an die vielen Toten denke. Die Sonne steht schon tief und taucht die grünen Wiesen passend zur Stimmung in ihren roten Farbtopf.

Heute hat sich das ehemalige Sumpfgelände aufgrund des Klimawandels in eine Heidelandschaft verwandelt und zahlreiche Rohre, unter dichtem Gras verborgen, zeugen vom emsigen Bemühen, den Originalzustand wiederherzustellen. Deshalb ist es ratsam, auf den trockenen Wegen zu bleiben. Diese Chance hatten die tapferen, oft nur mit Heugabeln und Stöcken bewaffneten Highlander leider nicht. Der matschige Untergrund muss eine weitere Hürde während des Kampfgeschehens gewesen sein, als Bonnie Prince Charlie mit seinen Männern gegen die bestens ausgerüstete englische Armee unter Führung des Duke of Cumberlands Stellung bezog. 9000 Engländer gegen 6000 Jakobiten, denen es zwar nicht an Mut fehlte, aber an Nahrung und guten Waffen.

Obwohl die Highlander normalerweise im Sturmlauf auf ihre Feinde zuliefen, um dann die Gegner mit den Schwertern niederzumetzeln, nützte ihnen diese Taktik diesmal nichts, da die Truppen der Engländer ein Hufeisen formten und die Schotten so ins Kreuzfeuer ihrer Musketen nehmen konnten. Nach nur einer Stunde und 10 Minuten musste Charles Edward Stuart, Bonnie genannt, mit seinen wenigen verbliebenen Männern über das Meer nach Frankreich fliehen.

“Oh blow the winds o’er the ocean and bring back my Bonnie to me.”

© Silvia Peiker 2021-03-14

ReisenReif für die Insel

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