skip to main content

#kaffeehauskultur#katzengeflüster#katzengeschnurre

Neko

  • 125
Neko | story.one

Mit majestätischen Blicken mustert er die seltsamen Zweibeiner von seinem erhöhten Sitz aus, schüttelt seine lange, weiße Mähne und beobachtet neugierig mit seinen zu Schlitzen verengten Augen die Junkies, die sich aufgrund der gemeinsamen Passion in seinem Reich eingefunden haben. Plötzlich spitzt Luca seine großen Ohren, als sich die zierliche, schwarzhaarige Sonia wie eine Diva geräuschlos an den Tischen vorbeischlängelt. Zielstrebig läuft sie zum offenen Fenster, wo sich ihr jüngerer Bruder Thomas behaglich auf einem Polster räkelt. In seinem roten Haar fangen sich die hellen Sonnenstrahlen und bringen es so richtig zum Leuchten.

Lucas Bruder Moritz schläft inzwischen den Schlaf der Gerechten. Der sanftmütige, braune Langhaarkater lockt immer wieder Gäste an, die entweder Fotos von der Maine-Coone Katze schießen oder mit der Hand sanft übers seidige Fell streicheln. Der Farbton seiner Mähne lässt mich an eine Melange denken und er kontrastiert perfekt mit Lucas heller Haarpracht.

Mit unverhohlener Begeisterung verlässt meine langjährige Freundin Marion ihren Platz an unserem Tisch, um die Samtpfote Thomas näher in Augenschein zu nehmen. Auch sie ist so wie die meisten Gäste ins japanische Katzencafé Neko in der Blumenstockgasse in die Wiener City gekommen, um ein wenig mit den Katzen zu kuscheln, sofern sie dazu bereit sind und es zulassen. Denn man darf niemals vergessen, Katzen sind Einzelgänger und nicht wie Hunde daran gewöhnt, ihren Besitzern auf Kommando zu gehorchen.

Kurumi, die grauweiße Tigerkatzendame, dreht ihre Runden und rollt sich schließlich in der Nähe der Toiletten in einem Körbchen zusammen. Obwohl sie es angeblich selbst entscheidet, wer sie streicheln darf, gelingt es mir wider Erwarten, sie ein wenig hinter den Ohren zu kraulen. Vielleicht haben wir einen Draht zueinander, weil sie mich ein wenig an meine gestreifte Knackwurst daheim erinnert, die ihre Zuwendungen ebenfalls nach Lust und Laune verteilt. Der japanische Vorname Kurumi bedeutet Walnuss. Ob die eigenwillige Katzendame wohl so manchem eine harte Nuss zu knacken aufgibt?

Marion und ich genießen unseren traditionellen Grüntee, aufgebrüht mit feinen japanischen Teeblättern, eingebettet in eine relaxte Atmosphäre inmitten von Gleichgesinnten. Wir schreiben es den hohen Temperaturen draußen zu, dass die Vierbeiner nicht in der Stimmung sind, ihre Kletterkünste an den zahlreichen Ästen, die hoch oben an den weiß getünchten Wänden prangen, auszuprobieren. Stattdessen brutzeln sie bei den offenen, durch feinmaschige Gitter gesicherten Fenstern des Cafés in der heißen Julisonne.

Die hübschen Japanerinnen, die ihre Gäste zuvorkommend und mit strahlenden Augen bedienen, und die Besucher des Katzencafés bilden mit den aus Tierheimen geretteten Rasse- und Hauskatzen eine harmonische Symbiose. Hier kann man fern vom Alltagstrott mit der Seele schaukeln und süße Vanillekätzchen schnabulieren.

© Silvia Peiker 2021-07-12

KaffeehausKatzengeschichten

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.