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#bücherliebe

Niemandsmeer

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Niemandsmeer | story.one

“Stoffstück aus Chintz: schwarzer Untergrund aus dicht bedrucktem Muster aus blauen, roten, grünen und weißen Blumen. Blätter und kleine Äste vervollständigen das Muster.”

Wenn sich der rote Faden der Liebe im farbenprächtigen Quilt einstickt, umgarnt vom endlosen Horizont, der unergründlichen Tiefe des bewegten Ozeans und dem Abgrund der menschlichen Seele, dann weht uns der frische, salzige Wind der Hoffnung um die Nase. In Erwartung eines besseren Lebens, fern vom Viktorianischen England, winkt im fernen Tasmanien ein Neuanfang, und die im britischen Kolonialbesitz befindliche Sträflingskolonie wartet geduldig auf den geschürzten Abschaum der Gesellschaft.

Die Überfahrt auf der Rajah wird für die 180 weiblichen Kleinkriminellen und die raue Schiffsbesatzung zu einem mörderischen Spiel auf hoher See. Das Nähkästchen offenbart nicht nur Nähseide und Nadel, sondern auch ein über Bord geworfenes Messer, das zur Mordwaffe wird, und eine der verurteilten Frauen aus der Gruppe der Näherinnen schwer verwundet. Zusätzlich benetzt Blut, das vergossen wird, den Quilt, den die junge Aufseherin Kezia und einige sticherprobte Frauen bei Tageslicht an Deck kunstvoll entstehen lassen, während dunkle Wolken am Firmament aufziehen.

Doch keine der Frauen will im Verhör etwas Verdächtiges bemerkt haben, weder dem galanten Kapitän, dem empathischen Schiffsarzt noch dem resoluten Pfarrer gelingt es, den Näherinnen ein Geständnis zu entlocken. Das Patchwork der unterschiedlichen Charaktere der Gefangenen, die meist bittere Armut und Verzweiflung zu ihren Taten trieben, steht im scharfen Kontrast zur Handwerkskunst und zum Plot des Kriminalromans, der den Herstellungsprozess einer wunderschönen Decke mit dem Entwirren eines labyrinthischen Rätsels' verknüpft. Gefangen wie die Verurteilten auf dem Segelschiff, den unbarmherzigen Elementen ausgeliefert, halten die Leser*innen den Atem an, im Versuch, Ariadnes rotem Faden zu folgen und den Minotaurus, das Ungeheuer, noch vor der Ankunft auf Van Diemen's Land zu besiegen.

Hope Adams bettet die historisch belegte Geschichte in eine fiktive, fesselnde Erzählung ein. Sie stellt versiert Kezias Bemühen, den von der Gesellschaft Verdammten aufrichtige Anteilnahme entgegenzubringen, dem unbarmherzogen Blick des Reverends, den dieser auf Straftäter wirft, gegenüber. Beinahe mühelos gelingt es ihr, falsche Identitäten zu entlarven und die Tragödie hinter der Untat aufzudecken. Eleos und phobos, Mitleid und Furcht bewirken eine klassische Katharsis und ihr kriminalistisches Geschick, ganz im Sinne der anthropologischen Literatur, enthüllt das verbrecherische Wesen des Menschen mit aufklärerischer Präzision. Das helle Licht der Aufklärung durchdringt die Düsternis des Sträflingsdecks, weckt Kezias feministisches Kämpferherz und lässt nicht nur die Wogen hochgehen, sondern auch die unsteten Gemüter an Bord des Segelschiffes.

© Silvia Peiker 2022-06-06

Bücherliebe#rezension

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