skip to main content

#oldschoolromantik

Ohne Cinderellas Schuhe

  • 244
Ohne Cinderellas Schuhe | story.one

Als hätte der Himmel all seine Schleusen geöffnet, prasselte frostiger Novemberregen auf den schützenden Regenschirm, den ich nur mit Mühe festhalten konnte, im vergeblichen Versuch, meine kunstvoll geföhnte Frisur zu schützen. Immer wieder fuhren heftige Windböen unter den aufgespannten, parasolartigen Knirps und bogen dessen dünne Metallschienen mit spielerischer Leichtigkeit nach oben.

Nass wie ein begossener Pudel ließ ich mich auf den freien Sitz neben meine Freundinnen plumpsen. Gusti und ihre beiden jüngeren Schwestern hatten den Vorteil, dass sie knappe drei Minuten vom Bahnhof entfernt wohnten, ich dagegen musste mich beinahe eine Viertelstunde durch das tosende Gewitter kämpfen.

Doch die Tanzstunde deswegen versäumen, das ging gar nicht. Groß war der Schreck, als ich im noblen Foyer der Tanzschule bemerkte, dass ich meine Tanzschuhe, die ich vorsorglich in einen Plastiksack gesteckt hatte, im Zugabteil vergessen hatte. Straßenschuhe waren auf dem frisch polierten Tanzparkett natürlich ein No-Go und in meiner Verzweiflung bat ich darum, ausnahmsweise mit den sogenannten Besucherschlapfen an der Tanzstunde teilnehmen zu dürfen.

Da niemand etwas dagegen hatte, schlurfte ich unter dem Gekicher meiner Freundinnen mit ausgeborgten Filzpantoffeln in den Saal. Mein klägliches Aussehen, das mir von den großflächigen Spiegeln schonungslos entgegengeschleudert wurde, ließ mich nicht gerade attraktiv erscheinen. Mein einst kunstvoll frisiertes Haar hing in feuchten, schlaffen Strähnen herab und die unstylischen Pantoffeln wollten mit dem schicken Rock so gar nicht zusammenpassen.

Da ich ja noch bei den Anfängern meine ersten tapsenden Tanzschritte erlernte, sollte es kein Problem sein, einen Tanzpartner zu ergattern. Denn der Leiter der Tanzschule sorgte stets dafür, dass genügend Tänzer zur Verfügung standen, manchmal auch aus höheren Kursen, was natürlich für uns Greenhorns keinen Nachteil darstellte. Und so kam es, dass ich mit einem Goldstartänzer, der wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland die Mundwinkel nach oben gebogen hatte, meine Runden drehte, was mit dem verdammtem Schuhwerk gar nicht so einfach war. In Peters Armen fühlte ich mich wie Cinderella, und ich schien auf den Prinzen trotz meiner seltsamen Erscheinung Eindruck gemacht zu haben.

Bei ein paar Softdrinks gestand mir Peter später, dass er gerade mein natürliches Aussehen schätze. So hatten mir Regenwetter und Schusseligkeit nicht nur einen tollen Tänzer, sondern in naher Zukunft auch viele romantische Stunden beschert.

Meine Pumps habe ich übrigens wiederbekommen. Unser damaliger Bahnhofsvorsteher, der später auch unser Bürgermeister wurde, hat dem Zugführer Bescheid gegeben, dass eine am Boden zerstörte Tanzmaus ihre Tanzschuhe auf der Gepäckablage vergessen hat. Gleich am nächsten Tag konnte ich diese auf dem heute leider verwaisten Bahnhof abholen, wofür der ÖBB großer Dank gebührt.

© Silvia Peiker 2021-11-03

Dinge und ihre GeschichtenGewitter im Bauch

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.