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#traumatisisierung

Ornithophobie

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Ornithophobie | story.one

Wenn sich der Himmel schwarz färbt, sendet Alfred Hitchcock, der Altmeister des Thrillers, schaurige Grüße. Damals war jedoch kein drohendes Gewitter im Anmarsch, sondern ein wild gewordener Vogelschwarm. DIE VÖGEL versetzten schon Tippi Hedren, Melanie Griffiths hübsche Mutter, in Angst und Schrecken. Doch während im Kinofilm der 50er Jahre unterschiedliche Vogelarten die ahnungslosen Menschen attackierten, nehmen nun angriffslustige Krähen in der Wiener Innenstadt noch schläfrige Passanten, wenn die Morgenstund Gold im Mund hat, ins Visier.

Der Tatort ist kein geringerer als eine der nobelsten Locations in Wien. Schon bei Monopoly sind die Grundstücke auf der Kärntner Straße kein Schnäppchen, und das Hotel Sacher lässt an Eleganz und Noblesse wahrlich nichts zu wünschen übrig. Was ist der Auslöser für diese Crow Attacks mitten im Herzen der City, die schon eine junge Frau auf den harten Asphalt stürzen ließ? Wollen die wild gewordenen Krähen etwa Aufmerksamkeit erregen, vielleicht einen Bissen von der köstlichen Sachertorte oder einen Schluck vom Coffee to go ergattern?

Der Menüplan der Rabenvögel ist ja kulinarisch breit gefächert, doch die mit süßer Schokoglasur überzogene Spezialität der prestigeträchtigen Nobelherberge ist nicht des Rätsels Lösung. Die grauschwarzen Krähen bewachen beherzt ihre Brut, die in einem Nest in luftiger Höhe im Schutz einer Aufmerksamkeit heischenden Werbetafel heranwächst.

Das wachsame Vogelpärchen zieht, beobachtet von einem investigierenden Journalisten, seine Kreise über den Köpfen von Touristen und Einheimischen. Sie sind auf der Hut, doch nur in den Morgenstunden und bis zu Mittag, denn dann ist augenscheinlich Siesta und Schluss mit dem Patrouillieren. Diese sogenannten Scheinangriffe sind nicht nur für Krähen typisch, sondern auch für viele andere Vogelarten. Vor allem, wenn der Nachwuchs flügge wird, werfen die Eltern ein wachsames Auge auf ihre Piepmätze.

Nun frage ich mich: Warum üben die Jungvögel das Spreizen der Flügel nur in den Stunden, bevor die Sonne ihren höchsten Zenit erklimmt? Sind die Temperaturen für gewagte Flugmanöver am Nachmittag bereits ins Unerträgliche geklettert? Fakt ist, dass große Vögel mehr Flugtraining benötigen als kleine, wie etwa Meisen, die schon nach 20 Tagen im Nest zwitschernd durch die Gegend schwirren. Außerdem starten großgewachsene Vogelkinder ihre ersten Flugversuche zunächst am sicheren Boden, was möglicherweise auch der Grund dafür ist, dass die besorgten Eltern den frühen Morgen wählen, da dann besagte Einkaufsstraße noch spärlich bevölkert ist.

Vielleicht gibt es einige Ornithologen unter euch, die mit fachlich plausibleren Erklärungen aufwarten können, um das Rätsel rund um die angriffslustigen Krähen zu lösen?

Herzlichen Dank an JJ Schew fürs Krähenfoto!

© Silvia Peiker 2022-05-25

Angst

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