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Petras Spitzentanz

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Petras Spitzentanz | story.one

Petra steckt die schmutzigen Teller vom Mittagessen in den Raster des Geschirrspülkorbes. Dabei wirft sie immer wieder einen Blick durchs geöffnete Fenster des Lehrerzimmers, lauscht, ob das Toben der Kinder im Garten den gewohnten Geräuschpegel nicht übersteigt. Denn sollten die Volksschüler*innen in Streit geraten oder sich beim Spielen verletzen, müsste sie rasch ins Freie eilen, ihrer Aufsichtspflicht nachkommen.

Seit die Türen der Gasthäuser wegen des strengen Lockdowns geschlossen sind, ist es nicht mehr möglich, mit den Burschen und Mädchen der Nachmittagsbetreuung in der Gaststube zu essen. Der Wirt liefert zwar die bestellten Menüs, stellt auch das nötige Geschirr zu Verfügung, möchte jedoch die großen Metallbehälter, in denen die Essensportionen warmgehalten werden, wieder gereinigt zurückerhalten. So muss Petra nun das Essen ausgeben und das Geschirr abwaschen, während die Kinder im Schulgarten aufgrund der Covid-Bestimmungen frische Luft schnappen.

Eigentlich ist es ihr Job, die Freizeit der Kinder sinnvoll zu gestalten und während der Lernstunde bei den Hausaufgaben zu helfen. Aber Petra ist tüchtig, sie passt sich den neuen Arbeitsbedingungen an. Sie packt dort an, wo es nötig ist. Seit vielen Jahren betreut sie die Schulkinder einer kleinen Gemeinde im Weinviertel, unterstützt die Lehrerinnen bei Schulprojekten und fertigt in ihrer Freizeit unentgeltlich Bühnendekorationen für Schulaufführungen an. Denn Petra ist eine talentierte Malerin, sie hat schon einige Ausstellungen mit ihren schönen Bildern bestückt und auch Heiligenfiguren in Kirchen restauriert.

Ich kann mich noch gut an unsere gemeinsame Ausbildungszeit an der PH Baden erinnern. Wir sollten Figuren in Bewegung zeichnen. Während ich nur unbeholfen ein Strichmännchen á la Keith Haring zustande brachte, zauberte meine Kollegin eine wunderschöne, grazile Ballerina á la Degas aufs Papier.

Leben kann Petra von ihrer künstlerischen Tätigkeit aber nicht, deshalb hat sie die Ausbildung zur Freizeitpädagogin absolviert. Mit ihrem geringen Einkommen kann sie sich und ihre Töchter nach einer hässlichen Scheidung mit vorangegangenem Rosenkrieg gerade über Wasser halten.

Kaum hat sich Petra von diesem Schicksalsschlag erholt, ereilt sie die nächste Hiobsbotschaft. Wie aus dem Nichts erscheint eine Konkurrentin in der Schule, eine Freundin der Direktorin, die sich von ihr die Räume der Nachmittagsbetreuung, die sie liebevoll eingerichtet und dekoriert hat, zeigen lässt. Sie erfährt, dass die jüngere Frau ihren Arbeitsplatz einnehmen will.

Petras Fragen haben mich tief bewegt:„Sieht denn niemand mein langjähriges Engagement für diese Gemeinde? Habe ich nicht während der Krise bewiesen, dass man sich auf mich verlassen kann? Warum berichten die Medien über den Arbeitsaufwand der Lehrer*innen, aber kein Wort über die schulischen Nachmittagsbetreuer*innen?"

Ich kann Petra sehen, ihr auch?

David Hofmann

© Silvia Peiker 2021-05-17

#alltagsheldInnen

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