skip to main content

#1sommer1buch

Fauler Willi

  • 226
Fauler Willi | story.one

Keine Sorge, ich schreibe nicht über Schach, nicht über die gefinkelten Schachzüge, die man mit Hilfe einer kleinen, geschnitzten Pferdefigur in den dominierenden Farben Schwarz oder Weiß auf dem Schachbrett ausführen kann, um den Gegner zu schwächen oder im besten Fall Schach matt zu setzen. Obwohl man auch im sogenannten Springerdasein immer wieder in die Trickkiste greifen oder aus seinem Erfahrungsreichtum schöpfen muss, um unbekannte Kinder, und das sind sie wahrlich, wenn man als SpringerIn in eine Grundschule geschickt wird, bei Laune zu halten.

Ende November sollte ich zur Volksschule in die Jagdgasse im 10. Wiener Gemeindebezirk fahren. Leider hatte mir der Verein vergessen zu verraten, dass sich gleich zwei Grundschulen dieselbe Adresse teilten. Obwohl die Chancen 50:50 standen, drückte ich natürlich zuerst bei der Volksschule ohne Nachmittagsbetreuung auf den Klingelknopf. Beim nächsten Klingelversuch öffnete mir eine überaus erfreute Direktorin , die mit einer Vertretung ihrer erkrankten Freizeitpädagogin gar nicht gerechnet hatte, weil der Verein vergessen hatte, sie über mein Kommen zu informieren. Aus diesem Grund wurde ich besonders herzlich empfangen, denn alle Kollegen und Kolleginnen sind froh, wenn SpringerInnen die vakante Gruppe übernehmen und die Kinder nicht auf andere Gruppen aufgeteilt werden müssen. Die gutgelaunte Schuldirektorin braute mir sogar höchstpersönlich eine Tasse Kaffee, was für ein netter Arbeitsbeginn!

In der 7. und 8. Stunde war ich dann bei den Erstklässlern eingeteilt. Zuerst einmal war Austoben im weitläufigen Schulhof angesagt, danach kehrten wir alle mit vom kalten Wind geröteten Backen in die Klasse zurück, wo wir das heitere Ratespiel "Fauler Willi"“ ausprobierten. Natürlich assoziierten die Kleinen die Figur des faulen Willis sogleich mit der naseweisen Biene Maja und ich erzählte meinen gebannt lauschenden ZuhörerInnen aus Willis Leben:

„Willi mag Butter, Margarine schmeckt ihm überhaupt nicht. Er trägt gerne knallige Pullover, aber keine T-Shirts. Er liebt seine Mutter, seinen Vater mag er leider gar nicht. Er findet Giraffen lustig, Zebras hingegen langweilig. Am liebsten trinkt er Wasser, niemals Saft! Warum?" erkundigte ich mich bei den Kleinen.

Bald schon schnatterten aufgeregte Kinderstimmen durcheinander und es schwirrten amüsante und seltsame Lösungsversuche wie "Giraffen haben Flecken, Zebras sind gestreift!", Cola schmeckt am besten, Wasser gar nicht!" oder "Ich mag meinen Vater auch nicht!" durch die Klasse. Keines der Kinder war der Lösung auch nur annähernd nahe gekommen, da die Kleinen ja erst dabei waren, schreiben und lesen zu lernen. Als ich die Wörter auf die Tafel schrieb, wurde klar, dass man nur auf die doppelten Mitlaute achten musste. An diesem Nachmittag hatte uns der faule Willi in das noch reichlich unbekannte Land der Buchstaben entführt, und wir sangen voller Inbrunst: In einem unbekannten Land...

© Silvia Peiker 2020-09-25

Alles Schule oder was Die Zukunft unserer Kinder mitgestalten

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.