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#'naturerlebnis

Reise mit dem Wind

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Reise mit dem Wind | story.one

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre leicht wie eine Feder, die der Wind vom Boden fegt und durch die Lüfte wirbelt. Dann könnte ich, nur so im Vorbeifliegen, durch die hellerleuchteten Fenster der Häuser gucken, Mütter dabei beobachten, wie sie schwungvoll den Nudelwalkerüber den plattenTeig rollen, während der Nachwuchs, der ungeduldig von einem Bein aufs andere hüpft, verstohlen einen Finger in die Rührschüssel taucht, um noch ein wenig Teigreste zu erhaschen. Die Keksausstecher liegen schon bereit, Mond, Stern und Herz warten darauf, in die weiche Masse gedrückt zu werden und im heißen Rohr knusprig braun gebacken zu werden.

Weiter geht’s; ich schwebe über rote und schmutziggraue Dächer, sehe dunkle Krähen, wie sie mit ihren kräftigen Schnäbeln Nüsse aus den mit buntem Laub bedeckten Gärten holen, die sie zielstrebig, nachdem sie sich auf einem Strommast niedergelassen haben, auf den harten Asphalt der Straße werfen. Rasch flattern sie zur geborstenen Schale, nehmen sie auf, fliegen zum nahen, gepflügten Acker, wo sie zwischen den feuchten, dunkelbraunen Erdschollen nahezu unsichtbar werden.

Ein Sperber kreuzt meinen Weg. Der Raubvogel schenkt mir jedoch keinerlei Beachtung, da er aus dem Augenwinkel die rasche Bewegung eines Feldhamsters im Rechteck des Feldes wahrgenommen hat, der sein Köpfchen aus dem Bau reckt und nichts von der drohenden Gefahr, die ihre Kreise über den wolkenverhangenen Himmel zieht, ahnt.

Nun wirble ich in schwindelerregender Höhe über einen mit rot leuchtenden Hagebutten und tief hängenden Weiden gesäumten, flott dahinplätschernden Bach, erblicke kleine Fische, Enten und auch eine weiße Möwe, die sich in ihrem Revier, dem Wasser, trotz der kühlen Temperaturen wohl zu fühlen scheinen und trotz ihrer Verschiedenheit eine Einheit bilden. Ganz in der Nähe erblicke ich den schlanken Körper eines Reihers, der, einer Statue gleich, im eiskalten Bachbett lauert und auf Beute hofft.

Blätter wie Pergament flattern um mich herum und rascheln fröhlich, wenn der Wind, der an Kraft gewonnen hat, mit geballter Faust in die Laubhaufen, die sich wie Nester unter den Bäumen gesammelt haben, hineinfährt. Nun befürchte ich, dass meine Reise schon zu Ende ist und unter einem Stapel von herbstlich modrig riechenden Blättern endet.

Doch ich muss mich noch nicht sorgen, denn das bereits stürmischer wehende Lüftchen treibt mich in immer höhere Sphären, und während ich mich wie in einer Spirale drehe, erkenne ich nun, dass die Freiheit über den Wolken wahrlich grenzenlos ist. Und wirklich, so wie es Reinhard Mey so schön beschreibt, erscheint mir alles Große und Wichtige mit einem Mal nichtig und klein. What a wonderful world!

© Silvia Peiker 2020-12-13

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