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Rund, na und?

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Rund, na und? | story.one

Die Waage schüttelt mahnend den Kopf. Ich fühle mich an die unterhaltsame Serie Little Britain erinnert, wenn die Reisebüroangestellte ihren erwartungsvollen Kunden stoisch verkündet: „The computer says no!“

Während der Sommermonate fällt es mir leicht, mich mit frischem Obst und Gemüse gesund zu ernähren, mich im Freien sportlich zu betätigen und auf diese Weise mein Gewicht zu halten. Doch wenn die Tage wieder kürzer werden, das herbstliche Sonnenlicht immer rascher der kühlen Abenddämmerung weicht, erwacht in mir ein unbändiger Hunger auf kalorienreiche Mahlzeiten.

Schon als Kind hatte ich etliche Kilos zu viel auf den Rippen. Vor der Schule ein kränkliches, schlankes Kind, entwickelte ich nach der Mandeloperation, zur überschwänglichen Freude meiner besorgten Mutter, einen regelrechten Heißhunger auf alles Essbare. So begann meine Laufbahn als Schulkind mit den wenig aufmunternden Worten einiger boshafter Schulkameradinnen:“Lauf schneller, du fettes Schwein!“

Nicht nur verbale Attacken musste ich auf meine Körpermassen bezogen über mich ergehen lassen, es regnete auch Watschen aus dem Hinterhalt. Zwei besonders gemeine Schülerinnen lauerten hinter einer Hausecke, um mich auf dem Heimweg nach Unterrichtsende unerwartet anzuspringen, mir ins Gesicht zu schlagen und laut lachend das Weite zu suchen. Ich schluckte meine Tränen hinunter und versteckte verschämt meinen demütigenden Schmerz tief in meinem Inneren.

Dieses Dicksein, oder schöner umschrieben, „Vollschlank“ verfolgt mich nun schon mein ganzes Leben. Auch wenn ich zuweilen als junge Frau eine passable, wenn auch nicht modelmäßige, aber dem Body Maß Index genehme Figur zur Schau trug, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich zu viele Kilos mit mir herumschleppe. Wenn all die Pfunde, die ich Dank Diäten und Sport verloren habe, in Gold aufgewogen würden, wäre ich jetzt reich und praktisch mit null Gewicht auch nicht mehr existent.

In der Lebensmitte wurde ich sehr krank und magerte so ab, dass meine Garderobe gleich um zwei Konfektionsgrößen erschlankte. Nun war ich ungewollt dünn, hatte aber noch immer den Eindruck, von der erstrebten Idealfigur Lichtjahre weit entfernt zu sein.

Wo sind bloß Rubens Zeiten geblieben, als eine üppige Leibesfülle noch ein Zeichen von Wohlstand und Schönheit bedeutete? Warum spielen Äußerlichkeiten in unserer Gesellschaft nach wie vor eine so wichtige Rolle, dass wir den Bildern hinterher japsen, die die Medien, allen voran die Werbung, uns vorgaukeln?

Ich habe an mir selbst gearbeitet und gelernt, mich auch zu mögen, wenn ich wieder einmal ein paar Pfunde zugelegt habe. Meine Laufstegzeiten sind zwar vorbei, aber ich blicke stolz auf zwei Trachtenmodeschauen zurück, bei denen ich die besten Stücke, einmal ein Brautdirndl, das andere Mal von Elfie Maisetschläger das neue Niederösterreich Dirndl, mit reichlich Applaus präsentieren durfte.

Auf meinem Etikett steht: rund, na und?

© Silvia Peiker 2020-11-09

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