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#bĂŒcherliebe

Schmetterling und Taucherglocke

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Schmetterling und Taucherglocke | story.one

Schon der Titel auf dem in blauen und orangefarbenen Pastelltönen gehaltenem Cover zieht mich im Nu in seinen Bann. Und als ich den Klappentext studiere, wird mir bewusst, dieses VermĂ€chtnis muss man gelesen haben. Doch zuerst einmal kommt das Werk des französischen Journalisten Jean-Dominique Bauby in die Auslage unserer BĂŒcherei, ich muss meine Neugierde, dessen Biografie zu erforschen, noch ein wenig zĂŒgeln.

Ein paar Wochen spĂ€ter ist es so weit, ich trage das ersehnte Buch heim und tauche gleich nach dem Zubettgehen in eine mir zum GlĂŒck unbekannte Welt ein. Schon im Vorwort von Baubys Tagebuch, in dem er eindringlich seine berĂŒhrende Reise auf der Stelle beschreibt, werde ich mit dem Akronym LIS konfrontiert.

Bis vor kurzem war nur der Lockdown in meinem GedĂ€chtnis als lĂ€stige und unumgĂ€ngliche Begleiterscheinung des Corona-Virus‘ gespeichert. Doch das Locked-in-Syndrom, ausgelöst durch einen Gehirnschlag, verwandelt den 43-JĂ€hrigen in eine lebendige Statue und beraubt ihn zusĂ€tzlich noch seines Sprechvermögens. Sein scharfer Verstand, der in seinem Inneren brodelt und darauf wartet, wie ein Vulkan auszubrechen, ist nun auf die UnterstĂŒtzung anderer angewiesen. MĂŒhsam erlernt er das ABC mithilfe der ESA-Version, wobei die hĂ€ufigsten Buchstaben des französischen Alphabets geordnet werden. Nun ist er imstande, sich mit seiner Umwelt zu verstĂ€ndigen, indem er durch Blinzeln mit dem linken Auge die Buchstaben markiert, die ein Wort ergeben sollen. So diktiert er mĂŒhsam seine letzten Gedanken, die zugleich Verzweiflung ĂŒber die aussichtslose Lage, aber auch Hoffnung, seinen unbĂ€ndigen Lebenswillen, vereint in diesem Buch, widerspiegeln.

Von anderen als Zombie oder GemĂŒse betrachtet, befreit von Alltagssorgen, kreisen seine Gedanken um die einzige Frage, die aufgrund seines paralysierten Körpers noch Bedeutung hat: Kann man im Zustand vollkommener VerstĂŒmmelung leben?

Beim Lesen dieser mit Humor und Aufrichtigkeit gewĂŒrzten Zeilen offenbart der ehemalige Chefredakteur der internationalen Modezeitschrift ELLE: "Ja, leben ist möglich!", denn Fantasie und Schreiblust sind nach wie vor vorhanden, quellen resolut an die OberflĂ€che wie Luftblasen.

Bauby nimmt mich in den einzelnen Kapiteln mit auf seine einstigen Reisen, entfĂŒhrt mich in seinen TrĂ€umen ins berĂŒhmte MusĂ©e GrĂ©vin, einem Wachsfigurenkabinett in Paris, wo er Menschen begegnet, die in RealitĂ€t seine Pfleger und Ärzte sind. Mithilfe einer Magensonde ernĂ€hrt, schwelgt Bauby in Reminiszenzen an köstliche Speisen und seinem geliebten Glas Whisky.

Nach monatelangem Krankenhausaufenthalt in Berck genießt er seine ersten AusflĂŒge, festgeschnallt im Rollstuhl, auf der Esplanade am Meer. Die Besuche von Angehörigen und Freunden geben ihm Kraft, nach einem SchlĂŒssel zu suchen, der seine Taucherglocke zu entriegeln vermag, um wie eine Raupe seinen Kokon abzustreifen und als bunter Schmetterling davonzufliegen.

© Silvia Peiker 2021-06-06

BĂŒcherliebeMenschen#rezension

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