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#sinndeslebens#bĂŒcherliebe

Shadow on the wall

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Shadow on the wall | story.one

Chamissos Schlemihl spukt nach wie vor in meinen Gedanken herum. Denn wer möchte schon seinen eigenen Schatten missen? Die fantastische Novelle PETER SCHLEMIHLS WUNDERSAME GESCHICHTE aus dem Jahr 1814 skizziert das niemals unaktuelle Verlangen der Menschen nach Mammon.

Einem Fremden, der offensichtlich nichts Gutes im Schilde fĂŒhrt, gelingt es im Handumdrehen, den naiven Protagonisten zum Schlemihl, sprich Pechvogel, zu degradieren, indem dieser auf den faulen Handel eingeht und seinen Schatten gegen ein nie versiegendes GlĂŒckssĂ€ckel eintauscht. Nun ist Schlemihl zwar stolzer Besitzer eines quasi wertvollen Goldesels, der unablĂ€ssig GoldmĂŒnzen ausspuckt, er wird aber von seinen Mitmenschen in Ermangelung eines Schattens gemieden. Auch seine Verlobte verlĂ€sst ihn, denn ihr Vater möchte keinen Schattenlosen zum Schwiegersohn haben.

Fortan meidet er die von Sonnenschein durchfluteten Tage und irrt durch alle LĂ€nder der Erde, auf der Suche nach seinem Schattenbild. Bis seine Odyssee plötzlich durch das Erscheinen des unheimlichen SchattenjĂ€gers vorĂŒbergehend beendet wird. Verzweifelt sehnt er sich danach, seinen ĂŒberlebenswichtigen Schatten zurĂŒckzuerhalten, doch nun verlangt der dĂŒstere Unbekannte seine Seele im Austausch dafĂŒr. Nach reiflicher Überlegung erfĂ€hrt der UnglĂŒcksrabe eine Wandlung, da er einsieht, dass seine Seele untrennbar mit seinem Dasein verbunden ist und er deshalb nicht auf diese verzichten kann.

Viele klugen Köpfe grĂŒbelten ĂŒber Chamissos Metapher des Schattens, da der deutsch-französische Autor in seiner mĂ€rchenhaften ErzĂ€hlung, keine eindeutige Auflösung angeboten hat.

Ohne Licht kein Schatten, beide bedingen einander, so wie unsere Welt sich im Wechselspiel von Tag und Nacht, von Morgengrauen und Sonnenuntergang, wiederfindet. WĂŒrden wir keinen Schatten werfen, unseren Platz in der Gesellschaft behaupten, wĂ€re es dann nicht so, als hĂ€tten wir nie gelebt?

Schlemihl muss, da er der Verlockung nicht widerstehen kann, ein Schattendasein fĂŒhren. Thomas Mann erkennt im Symbol des Schattens bĂŒrgerliche SolidaritĂ€t und Sicherheit. Winnfried Freund wiederum legt Geld und Moral in die Waagschale fĂŒr eine ideale bĂŒrgerliche Lebensweise. Bei Schlemihl verliert diese Synthese ihre Balance, materielle und geistige Existenz driften auseinander, sodass er nun wie Treibholz seiner Umwelt auf Gedeih und Verderben ausgeliefert ist.

Chamisso legt seinem Sonderling, dessen tragische mĂ€nnliche und weibliche Pendants sich auch in den Ghettonovellen von Kompert und Mosenthal finden, folgende Worte in den Mund: “Du aber mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld."

Mike Oldfield hÀtte es nicht treffender beschreiben können:

TREAT ME LIKE A PRISONER,

TREAT ME LIKE A FOOL

TREAT ME LIKE A LOSER,

USE ME AS A TOOL.

Like a shadow on the wall.

Dank an Martino Pietropoli fĂŒrs stimmungsvolle Schattenbild.

© Silvia Peiker 2021-09-03

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