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Sonnengesang

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Sonnengesang | story.one

Schon lugten die letzten Sonnenstrahlen durch die großen Fensterscheiben und malten als Vorbote der Dämmerung unsere Schattenbilder an die weiß getünchten Wände. Kurz vor 8:00 Uhr abends sollten wir uns in unsere kleine Zelle zurückziehen, doch zuvor gab uns Pater Matthias noch eine Denkaufgabe mit auf den Weg.

Schäfchen zählen in der kargen, ungewohnten Umgebung meiner Schlafstube war nun nicht mehr nötig, denn das Grübeln über meinen Zweck auf dieser Erde und meine Vorstellungen über mein Dasein im Einklang mit Gottes Schöpfung beschäftigten mich noch eine ganze Weile. Schließlich fiel ich in einen traumlosen Schlummer, nachdem ich mich auf der harten Matratze hin- und hergewälzt hatte.

Tagwache um 5 Uhr! Das fand ich sehr gewöhnungsbedürftig und nach unserem schweigsamen Marsch zum Morgengebet in der Klosterkapelle tauschten wir umso freudiger unsere Gedanken zum brisanten Thema unserer nächtlichen Denksportaufgabe beim Frühstück aus.

Die Conclusio unserer Aufgabenstellung ergab, dass sich jeder Mensch irgendwann einmal in seinem Leben fragt, warum er auf diesem Planeten gelandet ist. Wir waren uns auf jeden Fall einig, dass in uns allen ein göttlicher Funke steckt, dass wir Teil eines überirdischen Plans sind, dessen Codes und Drehkreuze wir erst für uns selbst entschlüsseln müssen.

Der Pfingstsonntag, der auch den Beginn der weltweiten Mission zelebriert, stellt für den Orden der Steyler Missionsschwestern ein besonderes Fest dar. Außerdem wird das Sakrament der Firmung gespendet und wir durften mit erleben, wie die festlich gekleideten, jungen Firmlinge ihren Segen vom Bischof im mit duftenden Blumengestecken geschmückten Mittelschiff der Klosterkirche erhielten.

Nachdem wir uns zu Mittag mit einer kräftigen Gemüsebrühe gestärkt hatten, nahm uns wieder Pater Matthias unter seine Fittiche. Dieses Mal erzählte er uns vom Heiligen Franziskus, der sich so wie die Steyler Ordensgemeinschaft einst für Benachteiligte der Gesellschaft eingesetzt hatte. Fröhlich stimmten wir in den Sonnengesang ein, dessen englische Version ich bereits von Franco Zeffirellis Film “Fratello sole, sorella Luna” kannte:

Herr, sei gelobt durch Bruder Sonne, er ist der Tag, der leuchtet für und für. Er ist dein Glanz und Ebenbild, o Herr.

Herr, sei gelobt, durch unsre Schwester Mond, und durch die Sterne, die du gebildet hast. Sie sind so hell, so kostbar und so schön.

Jede von uns durfte sich ein Buch über Franz von Assisi ausleihen. Meine Wahl fiel auf „Lieber Bruder Franz, Einladung zum einfachen Leben“, das mir seit jenen Exerzitien ein treuer Wegbegleiter geblieben ist. Franziskus ist mir der Liebste von den Heiligen, weil er auch die Tiere in seine Gebete eingeschlossen hat.

Eine Anekdote aus dem Buch möchte ich euch nicht vorenthalten: Auf die Frage im Religionsunterricht, welchen Orden der heilige Franziskus gegründet hat, rief ein Bub enthusiastisch: “Den Tierschutzverein!”

Foto: Niklas Hamann

© Silvia Peiker 2021-05-23

Bücherliebe

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