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Spiel der Gezeiten

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Spiel der Gezeiten | story.one

Das Gewand der Zeit, normalerweise farblos wie ihr Gesicht, hat auf Orkney mannigfaltige Spuren hinterlassen. Wir sind die ersten beim Frühstück, essen hastig salmon und scrambled eggs, um noch rechtzeitig zum Brough of Birsay, einer ehemaligen Wikingerfestung, zu gelangen. Diese Siedlung, deren Grundstein Nordmänner vor mehr als 1000 Jahren auf einer kleinen Gezeiteninsel gelegt haben, ist nur bei Ebbe durch einen schmalen Steg mit dem Festland verbunden. Deshalb ist höchste Eile geboten, wenn wir nicht aufgrund der Gezeiten auf dem Eiland festsitzen möchten.

Eine fahlgelbe Sonne treibt über uns im Dunst des Morgens, als wir Maureen auf der engen Landstraße begegnen, mit der wir Tür an Tür in der zu einer komfortablen Pension umgebauten ehemaligen Werft in Stromness direkt am Meer wohnen. Das ältere Early Bird ist aus Australien angeflogen und erforscht Schottland auf eigene Faust, so wie wir.

Einsam und unberührt entblößen sich die steinernen Überreste unseren Blicken, wir fallen in eine andere Zeit zurück. Eine leichte Brise streicht durch das saftig grüne Gras, das unsere Schritte dämpft. Wir bestaunen einen aus Stein gemeißelten Symbolstein mit kreisförmigen Gravuren, eine Replik, wie wir von einer Tafel ablesen. Die Überreste einer piktischen Gemeinschaft, die um 600 ihre Spuren hinterlassen hat, thronen wie ein Mahnmal zwischen den steinernen Einfassungen der Gebäuderuinen. In den verfallenen Mauern eines Klosters und einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert kann man noch Reste des Altars erkennen. Vermutlich stand diese einst wohlhabende Siedlung unter dem Schutz des mächtigsten Mannes auf Orkney, Earl Thorfinn the Mighty.

Die Wanderung zum weiß getünchten Leuchtturm wagen wir nicht mehr, denn schon lecken die hereinströmenden Wassermassen an den gezimmerten Brettern des Holzstegs. Während wir wieder zurück zum Mainland traben, werden die Planken des Stegs und unsere Schuhsohlen vom kühlen Meerwasser benetzt, das sich dem schmalen Sandstrand der kleinen Bucht zügig nähert. Wir fühlen uns fast so wie Moses, dem es mit den fliehenden Israeliten gelingt, durch das Rote Meer zu spazieren, bevor die feindlichen Ägypter vom Meer verschlungen werden.

In der Zwischenzeit ist eine englische Familie mit zwei Kindern am Ufer eingetroffen. Ein 12-jähriges Mädchen stürzt sich voll bekleidet in die herannahenden Fluten. Die Mutter lacht und ruft uns zu: „She’s crazy!“

Leichter Nieselregen macht das Baden zu dieser frühen Stunde noch erfrischender, aber Briten wie Schotten sind ja an das raue Klima gewöhnt und ich mache mir keine Sorgen um die mutige Schwimmerin, die von ihren Eltern mit Argusaugen beobachtet wird.

Eine Weile sehen wir noch den Möwen zu, wie sie elegant über die Küste segeln, setzen Stein auf Stein aufeinander und hinterlassen unsere Botschaft, einen steinernen Turm, auf dem nassen Sand.

© Silvia Peiker 2021-02-23

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