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#1sommer1buch

Kebab, Stäbchen und Eiszapfen

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Kebab, Stäbchen und Eiszapfen | story.one

Beim Mittagessen musste ich Marvin ermahnen, nicht das ganze Stück Rindfleisch auf die Gabel zu spießen und in den Mund zu stecken. Ich wusste, dass seine Eltern aus China stammen und daheim anstelle mit Besteck mit Stäbchen gegessen wird. Aber im Speisesaal der Schule musste er lernen, mit Gabel und Messer umzugehen. Ich erklärte ihm, dass in Österreich anstelle von Stäbchen Besteck zum Verzehr der Speisen verwendet wird. Scheinbar hatte er meine Erläuterung, obwohl er perfekt deutsch sprach, nicht verstanden. Voll Tatendrang sprang er auf, eilte mit suchendem Blick durch den Speisesaal und brüllte zum Entsetzen der Küchendamen aufgeregt: “Wo gibt es hier Stäbchen?“

Nachdem in der Schule weit und breit keine Stäbchen aufzutreiben gewesen waren, ging’s nach einem kurzen Ausflug in den eisigen Schulgarten in die Lernstunde. Plötzlich verließ der drahtige Michael seinen Platz vor dem Lehrertisch und eilte zu mir in die letzte Reihe, wo ich gerade dabei war, Marina bei der Englischaufgabe zu unterstützen. Selbstverständlich nahm ich an, dass mir der Schüler, der Christine Nöstlingers Lehrer Zickzack mit großer Leidenschaft in unserer interaktiven Geschichtenstunde jeden Freitag mimte, eine Frage zur Hausaufgabe stellen wollte. Doch weit gefehlt!

Aufgeregt flüsterte mir Michael ins Ohr: "Sind Eiszapfen giftig? Ich habe nämlich im Garten Eiszapfen gegessen!"

In der Mittagspause hatten er und ein paar andere Kinder mit großem Enthusiasmus winzige Eiszapfen entdeckt, die sich aufgrund der eisigen Temperaturen unter den Gartentischen gebildet hatten. Diese hatten sie abgebrochen und offensichtlich heimlich wie einen Eislutscher im Mund zum Schmelzen gebracht. Ich musste mir das Lachen verkneifen, denn dieses Verhalten erinnerte mich an meine eigenen kindlichen Erlebnisse mit den gefrorenen Kegeln. Da ich noch immer unter den Lebenden weile, konnte ich den kleinen Kerl hinsichtlich der Unbedenklichkeit des gefrorenen Snacks natürlich beruhigen.

"Nur zu viel davon", so gab ich zu bedenken, „könnte Bauchschmerzen verursachen."

Nun musste ich mich wieder Marina widmen, die gerade damit beschäftigt war, eine Postkarte mit englischem Text, der von einer imaginären Sightseeing Tour in der Hauptstadt London handeln sollte, zu schreiben. Sie beabsichtigte ihre Karte an ihren Kumpel Harry, der in Wien lebt, zu schicken und war gerade dabei, die Adressfelder auszufüllen. Als ich mich erkundigte, in welcher Straße denn ihr Freund wohnt, erwiderte sie prompt: “Die Straße kenne ich nicht, aber ich weiß, wo er wohnt.“

Neugierig wollte ich wissen: “Wo ist denn das?“

Wie aus der Pistole geschossen kam Marinas Antwort: „Beim Kebabstand gleich um die Ecke.“

Den würde der Briefträger garantiert finden!

© Silvia Peiker 2020-09-26

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