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#alltagsheldinnen

Stehaufweibchen

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Stehaufweibchen | story.one

Meine Tante Maria hat das Herz am rechten Fleck. Wie durch ein Wunder hat sie einen schweren Autounfall am Braunsberg bei Hainburg √ľberlebt. Mein Onkel Fredi, der in Wien als Taxichauffeur so manchen illustren Gast durch die Wiener City kutschiert hat, war mit meiner Tante zum Plateau des Kogels hinaufgefahren, um das herrliche Panorama auf die Hundsheimer Berge, den breiten, sich schl√§ngelnden Donaustrom und die Stadt Bratislava zu genie√üen.

Bei der Talfahrt auf der engen, kurvigen Bergstra√üe zum nahen Bergbad blendeten die hellen Strahlen der hei√üen Augustsonne den erfahrenen Berufsfahrer derma√üen, dass er ein entgegenkommendes Gef√§hrt auf seiner Fahrspur erst viel zu sp√§t wahrnahm, das Lenkrad, um einer drohenden Kollision zu entgehen, verriss, und mit dem Opel √ľber den Rand der B√∂schung segelte.

W√§hrend das Taxi abst√ľrzte und sich in der Luft drehte, wurde meine schlanke Tante in hohem Bogen durch das offene Seitenfenster hinauskatapultiert. Mein Onkel hatte sich an das Lenkrad geklammert und war sprichw√∂rtlich mit einem blauen Auge und schweren Prellungen davongekommen.

Tante Maria aber lag r√ľcklings auf der Wiese, der Aufprall hatte ihr f√∂rmlich die Luft aus den Lungen gepresst, sie konnte sich nicht bewegen. Einer zuf√§llig vorbeikommenden Krankenschwester ist es zu verdanken, dass sie nicht gel√§hmt ist, denn durch den schweren Sturz waren mehrere R√ľckenwirbel zerbrochen.

Nach monatelangem Tragen von Gips- und St√ľtzmieder und ihrem unersch√ľtterlichen Glauben an ihre vollkommene Genesung konnte die Leidgepr√ľfte wieder in ihren Lieblingsberuf als Kindergartenassistentin zur√ľckkehren. Bis die hart arbeitende Frau ein erneuter Schicksalsschlag mit voller Wucht am Kopf traf.

Es war gerade Wochenende, als sich scheinbar das unerm√ľdliche Dr√∂hnen eines Presslufthammers in Tante Marias Sch√§del hineinbohrte. Kein Medikament aus der Hausapotheke vermochte die Pein zu lindern und der herbeigerufene Notarzt wusste auch keinen Rat.

Onkel Fredi erreichte schlie√ülich seinen Hausarzt, der den Ernst der Lage erkannte und meine Tante rechtzeitig mit Blaulicht und Folgetonhorn ins Krankenhaus schickte. Sie hatte einen Gehirnschlag erlitten, der eine lebensrettende Operation notwendig machte. Mit knapper Not zwar √ľberlebt, aber als bittere Konsequenz setzte ihr fortan jeder Witterungswechsel zu und die Gliedma√üen der linken K√∂rperh√§lfte erholten sich niemals wieder vollst√§ndig von den anf√§nglichen L√§hmungserscheinungen.

Trotz allem ist Tante Maria mit ihren 88 Jahren geistig fit und rege und eine K√§mpfernatur. Die Widrigkeiten des Lebens konnten das Stehaufweibchen trotz ihrer k√∂rperlichen Gebrechen niemals bezwingen. An manchen Tagen, wenn es √ľberall zwickt und zwackt, rettet sie sich mit folgenden, aufmunternden Worten aus dem schmerzhaften Stimmungstief:

“Wenn es gar nicht mehr geht, dann packe ich meine Haare am Scheitel und ziehe mich selbst aus dem Sumpf!“

© Silvia Peiker 2020-11-04

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