skip to main content

#humor#nimmsmithumor

Stilblüten und Wortwuchs

  • 197
Stilblüten und Wortwuchs | story.one

Stellt euch vor, euch würde jemand sagen, ihr sollt euren Gesichtserker nicht in fremde Angelegenheiten stecken? Aber bloß welchen Erker und welches Gesicht? Das hätte Philipp von Zesen, der Begründer der Deutschgesinnten Genossenschaft, beantworten können. Denn für ihn hatten Fremdwörter keinen Platz in der deutschen Sprache und sollten durch kreative Kompositionen wie Gesichtserker für Nase ersetzt werden. So hielt er fälschlicherweise die Bezeichnung unseres Riechorgans für ein Fremdwort, obwohl nas- aus unserem indogermanischen Erbe stammt.

Das Bemühen der barocken Sprachgesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts, wie die Fruchtbringende Genossenschaft, auch Palmenorden genannt, oder die Deutsche Gesellschaft, brachten wahrlich seltsame Stilblüten zum Vorschein. Dennoch gelang es einigen deutschen Wörtern, ihren angestammten Platz im Schoße des deutschen Wortschatzes zurückzuerobern, wie etwa Zweikampf statt Duell oder Verfasser anstelle von Autor.

Die deutsche Sprache sollte nach dem Willen der prominenten Mitglieder der Sprachgesellschaften, allen voran Martin Opitz oder Christoph Gottsched, zur Hochsprache, die den gesamten deutschen Raum überdachen sollte, hochstilisiert werden. Maria Theresias Favorit, der Grammatiker Gottsched, setzte sich vehement für eine natürliche Sprache ein, ohne Dialektwörter, Metaphern oder Schachtelsätze, woraufhin die Literatur langweilig zu werden drohte. Seine Überzeugungskraft war jedoch so groß, dass die österreichische Herrscherin seine Lehrbücher im Schulunterricht, den sie 1774 eingeführt hatte, verpflichtend vorschreiben ließ.

Viel früher schon, nämlich im 9. Jahrhundert, forderte der Mönch Otfrid von Weißenburg vermessen, die Volkssprache Deutsch in eine Reihe mit Hebräisch, Griechisch und Latein, quasi den heiligen Sprachen der Bibel, zu stellen. Aber auch Martin Luther zeichnete sich bei seinen Bibelübersetzungen als gekonnter Worteschmied aus. Auf sein Konto gehen nicht nur die Verwendung slawischer Lehnwörter wie Peitsche statt Geißel oder Jauche statt Adel, sondern auch Neologismen wie bluttgeld, gastfrey, menschenfischer oder morgenland. Der Kirchenreformer, der sich jedoch nie als Sprachreformer sah, scheute auch nicht davor zurück, Fremdwörter aus der religiösen Terminologie wie Apostel anstelle von Zwölfbote oder Prophet statt Weissager aufzugreifen. Selbst Wortinhalte wie Götze, das als mittelhochdeutsches Wort ein Heiligenbild bezeichnet, prägte er um und verwendete es in der Bedeutung Abgott, falscher Gott. Luthers Sprichwörter wie „Aus seinem Herz keine Mördergrube machen“ oder „Sein Licht unter einen Scheffel stellen“ haben sich bis heute im Sprachgebrauch erhalten.

Durchgesetzt haben sich weder Zesens Meuchelpuffer für Pistole, Jungfernzwinger für Kloster, Zeugemutter für Natur, Lustinne für Venus noch Tageleuchter für Sonne! Nomen est omen?

Eigenes Foto: X. Hausner

© Silvia Peiker 2022-02-02

Kabarett

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.