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#geschichte#tattoo

Tattoo Royal

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Tattoo Royal | story.one

Burning Needles, Endless Pain, Black Hole oder Painful Passion – viele Termini für eine Kunst, die heutzutage Jung und Alt gleichermaßen zu faszinieren weiß. Im 19. Jahrhundert neigten meist Matrosen dazu, ihre von Wind und Wetter gegerbte Haut mit Symbolen der Seefahrt zu verzieren. Und da war es schon ungewöhnlich und skandalös, wenn sich eine Hochwohlgeborene diese exquisite Körperkunst auf den Leib stechen ließ.

Überliefert ist dieser seltene Umstand im Tagebuch der Marie Valérie, die dem ungewöhnlichen Tattoo ihrer Mutter einige Zeilen widmete. In jener Zeit ein aufsehenerregendes Unterfangen für eine Kaiserin von Österreich, die mit einem kleinen Anker auf dem linken Schulterblatt ihre Liebe zum Meer sichtbar machte:

„Das Leben auf dem Schiffe ist viel schöner als jedes Ufer; die Reiseziele sind nur deswegen begehrenswert, weil die Reise dazwischen liegt.“

So wurde Sisis maritime Leidenschaft völlig unstandesgemäß in einer griechischen Hafenkneipe nicht aus jugendlicher Tollerei, sondern im reifen Alter von 51 Jahren, auf ihrem Körper verewigt. Elisabeths außergewöhnliche Kapriole konnte den Kaiser jedoch nicht pikieren, im Gegenteil, er fand den blauen Anker sogar originell.

Doch es blieb nicht bei dieser einzigen Tätowierung, eine zweite, weitaus größere sollte folgen. Diese soll ihr Cousin, Ludwig II, der Elisabeth sehr verehrte, sogar mit seinem Fotoapparat, als seine Cousine eine Robe mit tief ausgeschnittenem Rückendekoleté trug, eingefangen haben. Zum Glück blieb alles in der Familie, denn dieses Tattoo befand sich an einer sehr intimen Stelle, nämlich über Sisis Gesäß, wo ein Adler seine mächtigen Schwingen öffnete. Der unglückliche Märchenkönig soll das spektakuläre Foto stets bei sich getragen haben, vielleicht auch an seinem Todestag, als er seinen Arzt und sich selbst im Starnberger See mit in den Tod riss.

Von diesem pikanten Geheimnis der Kaiserin berichtete nach deren Ermordung in Genf ihre Hoffriseurin Fanny Angerer, die in den vielen Stunden, in denen sie das üppige, lange Haar ihrer Majestät zu kunstvollen Frisuren flechtete, so manches Geheimnis erfuhr. Später wurde ihr auch von Sisis Hofdamen hinter vorgehaltener Hand zugeraunt, dass diejenigen, die Elisabeths Leiche sezierten, geschockt über deren Tätowierungen waren. In Marie Valéries Aufzeichnungen findet sich jedoch nichts über das für damalige Zeiten sehr gewagte Adlertattoo ihrer extravaganten Mutter.

So ranken sich unzählige Mythen um die schöne Kaiserin, die ihrer Zeit voraus war, und die das Wagnis einging, sich tätowieren zu lassen, obgleich sich dies für Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts so gar nicht schickte. In diesem Sinne zählt sie wohl zu den emanzipiertesten Vorreiterinnen ihrer Epoche.

© Silvia Peiker 2021-11-23

Frauenportraits

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