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#dermomentdermeinlebenveränderthat

Theo, mein Lebensretter

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Theo, mein Lebensretter | story.one

Ist es Schicksal oder göttliche Fügung, dass wir wie Kieselsteine am Strand der Ewigkeit angespült werden? Und welcher Glücksspieler schüttelt den Würfelbecher, sodass wir Menschen wiedertreffen, die eine besondere Rolle im Plot unseres Lebens spielen?

Diese spontanen Fragen zischen durch meinen Kopf in Sekundenschnelle, als ich Theo nach etlichen Jahren, beide sind wir sichtlich gealtert, im Englisch Conversation Course an der Volkshochschule wiedersehe. Natürlich erkenne ich ihn nicht auf Anhieb, wir sind uns ja bloß einmal begegnet. Er in seiner Funktion als Chirurg im weißen Arztkittel, ich mit meinen 13 Lenzen als Patientin in seiner Ordination.

Wahrhaftig ein Gott in Weiß, der sprichwörtlich dafür verantwortlich zeichnet , dass die Moiren meinen Lebensfaden weiterspannen. Mein damaliger Hausarzt sandte mich trotz heftiger Schmerzen im rechten Unterbauch, Übelkeit, Erbrechen und leichtem Fieber nicht sofort ins Krankenhaus, sondern zum Facharzt nach Wien. Der erfahrene Theo erkannte sogleich den Ernst der Lage und so traten meine Mutter und ich den kurzen Weg mit der Straßenbahn ins Krankenhaus an.

Jeder Schritt war eine Qual, was nicht besser werden konnte, als in der Notaufnahme nun der dritte Arzt an diesem Tag seine Fingerkuppen in mein Abdomen bohrte. Sogleich wurde mir ein Bett im hintersten Winkel eines großen, hellen Krankenzimmers zugewiesen, das bereits mit neun anderen Frauen belegt war.

Leider hatte ich noch ein paar Schlucke Milch zeitig in der Früh getrunken, was die dringende Entfernung des entzündeten Wurmfortsatzes auf Mitternacht verschob. Zur Geisterstunde rollte man mich schließlich zum OP, und da brannte auch schon der Hut, da mein Appendix kurz vor dem Durchbruch stand. Eine lange Narbe zeugt heute noch vom geglückten Eingriff in meine Eingeweide.

So stand ich nun als erwachsene Frau und Mutter von drei Kindern vor meinem Lebensretter, der mich mit charmantem Lächeln einlud, neben ihm im Kurs Platz zu nehmen. Es folgten viele Jahre, in denen wir gemeinsam mit der Englischgruppe Theatervorstellungen im Vienna English Theatre und im American International Theatre in Wien beklatschten. Mein anfänglich holpriges Englisch verbesserte sich und Theo und ich genossen es, mit den anderen Kursteilnehmer*innen hitzige Diskussionen zu den stets aktuellen topics zu führen, die unsere Kursleiterin aus ihrem Füllhorn schöpfte.

Unvergessen sind die lustigen Faschingsdienstage, an denen wir, natürlich kostümiert, mitgebrachte Köstlichkeiten während der English Conversation verzehrten. Geburtstage zogen ins Land und wurden mit Sekt und Brötchen gefeiert und am meisten freute ich mich über Theos schöne, gebundene Biografie, die er mir eines Tages verschmitzt in die Hand drückte. Voll gespickt mit authentischen Erlebnissen in Italien, wo seine Familie Wurzeln hat. Fast hätte er wie Maggie Smith im Movie Tea with Mussolini getrunken, aber das ist eine andere Geschichte.

© Silvia Peiker 2022-06-11

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