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#1sommer1buch#vivaitalia

Tod auf den Schienen

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Tod auf den Schienen | story.one

Der Sonne entgegen, ab in den Süden! Solcherlei Gedanken schwirrten durch unsere Köpfe, als wir uns quasi in Sandwichmanier auf unsere Liegen im unbequemen Liegewagen des Reisezuges, der uns nach Italien bringen sollte, schwangen. Die Mutter meiner Freundin wählte die unterste Liege, Angelique die mittlere, sie litt unter Höhenangst, und ich zwängte mich in den Spalt zwischen Decke und harter Pritsche. An Schlaf war nicht zu denken, das Notlicht befand sich unmittelbar vor meinem Gesicht, irgendjemand von den Fremden, die die restlichen drei Liegen okkupierten, sägte enthusiastisch einen Baum um, der Zug ruckelte wie verrückt und hielt wahrlich in jedem Kuhdorf. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die verschmierten Fenster brachen, verließen wir fluchtartig unser spartanisches Schlafquartier, um in einem Viererabteil die Landschaft vor Venedig vorbeiziehen zu sehen.

Plötzlich jedoch wurden wir unsanft auf die gegenüberliegenden Sitze geschleudert, als der Zug mit quietschenden Bremsen abrupt im Nirgendwo hielt. Neugierig steckten wir unsere Köpfe aus dem Fenster. Aber außer einem Paar weißer Turnschuhe und blauen Hosenbeinen, die weiter vorne unter einem Wagon hervorragten, war nichts zu sehen. Vom Schaffner erfuhren wir, dass sich ein Mann vor den Zug geworfen und so seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Was für ein trauriges Schicksal!

Noch in Gedanken bei dem tragischen Ereignis brutzelten wir am Strand von Cattolica und beschlossen, die lange Fahrt per Zug nach Florenz auf uns zu nehmen. In der Stadt der Medici lockten ja die Uffizien und der prächtige Dom. Bald verspeisten wir auf der Piazza di Michelangelo die wohl teuersten Walderdbeeren meines Lebens. Mitte August hat es in dieser Stadt gefühlte 40 Grad im Schatten und als wir erschöpft vom vielen Kopfsteinpflaster Treten die Rückfahrt antreten wollten, hieß es auf einmal "RITARDO"! Die berühmt-berüchtigte italienische Zugverspätung durften wir natürlich nicht verpassen, und so mussten wir noch zwei Stunden am überfüllten Bahnhof in der brütenden Hitze ausharren.

Diese Wartezeit wollte sich ein italienischer Bahnarbeiter offensichtlich mit einem Nickerchen auf den Gleisen vertreiben. Angeliques Mutter erlitt beinahe einen Schlaganfall, als sie den Mann dabei beobachtete, wie er seine Kappe übers Gesicht zog und die Hände mangels eines Polsters hinter seinem Kopf verschränkte, um es sich auf den Bahnschwellen gemütlich zu machen.

Sie schrie: "Holt den Mann da runter, der hat sie nicht mehr alle!"

Ihre Worte riefen aber weder eine Reaktion bei den anderen Wartenden noch beim Lebensmüden selbst hervor, der wahrscheinlich auch kein Deutsch verstand. Mussten wir uns Sorgen machen?

Zum Glück nicht, denn kurz, bevor der heiß ersehnte Zug in die Station ratterte, musste der waghalsige Italiener die Vibrationen gespürt haben, hatte sich rasch aufgerappelt und war auf den rettenden Bahnsteig geklettert. Siesta finita, alle einsteigen!

© Silvia Peiker 2020-10-25

vivaitaliaBella Italia

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