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#eigenartig

Unheimliches Déjà-vu

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Unheimliches Déjà-vu | story.one

Monate vor Halloween träumte meine Tochter Michelle Seltsames: Tiefschwarze Nacht umgab sie, Nebelschwaden verschleierten die Sicht auf den von Wolken verhüllten Mond, als sie gemeinsam mit einer Gruppe von kostümierten Jugendlichen von Haus zu Haus wanderte, um Süßes einzusammeln. Sobald sich eine Haustür öffnete, wurde „Süßes oder Saures“ gerufen und Süßigkeiten in den Taschen verstaut.

Plötzlich kamen sie zu einem Haus, aus dem ihnen ein Mädchen, das sich mit einer schaurigen Wolfsmaske als Isegrimm verkleidet hatte, entgegentrat. Voll banger Erwartung folgten sie der Maskierten ins Haus. Michelle konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie der dunkle Eingang des Hauses wie der geöffnete, mit Zähnen bewehrte Rachen eines Wolfes, verschlingen würde. So, als wäre sie als Rotkäppchen mitten im Märchen gelandet, um vom Wolf gefressen zu werden. So abrupt wie ein Filmriss endete das Traumgespinst jedoch.

Noch im selben Jahr verbrachte meine Tochter Michelle Halloween bei ihrer Freundin Sabsi in Purkersdorf. Im Stadtteil Unter Purkersdorf beabsichtigten sie, zu später Stunde in schauriger Verkleidung um die Häuser zu ziehen. Sabsi schminkte sich ein teuflisches Jokergrinsen ins Gesicht, Michelle die bleichen Züge eines Zombies. Wie im Traum hatte sich der Nebel wie ein Schleier über die städtische Kulisse gelegt und der Mond lugte nur hin und wieder hinter den dunklen Wolken hervor.

Sie hatten schon einiges an Süßkram eingeheimst, als sie zu einem Haus kamen, dessen Umrisse Michelle irgendwie bekannt vorkamen. Als hätte sie ein Déjà-vu, öffnete sich knarrend dessen Eingangstür und vergleichbar mit einem unerwarteten Auftritt auf der Theaterbühne erschien ein Mädchen, gekleidet mit demselben gruseligen Wolfskostüm, wie zuvor im unheimlichen Traum. Meine Tochter stand wie erstarrt vor dem bekannten Haus, und wenn sie nicht schon als bleiche Untote geschminkt gewesen wäre, hätte sie jetzt keine weiße Farbe mehr nötig gehabt, so blass war sie geworden. Sabsi, die Michelles ungläubiges Erstaunen bemerkt hatte, fragte ihre Freundin besorgt:

"Hast du etwa einen Geist gesehen?"

Michelle nickte und erzählte von ihrem Traumerlebnis. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem kostümierten Wolfsmädchen um Sabsis Schulfreundin handelte, die beabsichtigte, den Joker und den Zombie in der Nacht, in der maskierte Kinder und Jugendliche ihr Unwesen treiben, zu begleiten. Nachdem sie ihre Tour beendet hatten, kehrten sie ins Heim des Wolfsmädchens zurück, um die Naschereien aufzuteilen.

Ein lange zuvor geträumter Traum hatte sich in Realität verwandelt, und das ausgerechnet zu Halloween, am Vorabend von Allerheiligen und dem nachfolgenden Kirchenfest Allerseelen. Michelle hatte in Form von parapsychologischer Präkognition ein zukünftiges Ereignis im Schlaf wahrgenommen, ohne je zuvor das Haus oder Sabsis Schulfreundin gesehen oder von deren Wolfskostüm gehört zu haben.

Trick or treat?

© Silvia Peiker 2020-10-30

eigenartigMysteriöse Ereignisse

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