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Verspätetes Weihnachtswunder

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Verspätetes Weihnachtswunder | story.one

Die Tür knarrt, als sie diese einen Spalt breit öffnet. Draußen knallt ihr pechschwarze Finsternis entgegen. Angestrengt lauscht sie in die Nacht hinein. Zuerst Stille, dann hört sie dieses Knacksen wieder. Da ist irgendetwas im dunklen Hof. Hoffentlich nicht der Fuchs aus dem nahen Wald, der sich eines ihrer Hühner aus dem Stall holen will. Sie stößt die Tür so weit auf, dass sie ihren dünnen Körper hindurchzwängen kann.

Aufgrund der klirrenden Kälte kann sie ihren Atem vor sich aufsteigen sehen. Sie drückt das Flanellnachthemd eng an ihren Körper und erschrickt, als ein lauter Knall die unheimliche Atmosphäre durchbricht. Sie fällt, schlägt hart auf den Steinplatten der Terrasse auf. Liegt wie ein verwundeter Käfer auf dem Rücken, kann sich nicht erklären, was gerade geschehen ist. Hört aufgeregte Stimmen, die gedämpft wie aus weiter Ferne an ihr Ohr dringen.

Kräftige Arme packen sie bei den Schultern und Beinen und tragen sie rasch ins Haus, zurück in die Wärme, wo die letzten Holzscheite noch im Ofen glimmen. Plötzlich durchfährt sie der Schmerz, ihr Nachthemd ist nass. Ist das etwa ihr Blut? Jemand drückt ihr ein Handtuch auf den schmerzenden Bauch, sagt ihr, sie soll ruhig liegen bleiben. Bringt ihr eine Decke, damit sie nicht mehr so friert. Hält ihre Hand: Bitte bleib bei uns, wir brauchen dich!

Sie ist so hungrig gewesen, doch jetzt möchte sie einfach nur noch schlafen, keinen Schmerz mehr spüren. Aber jemand drängt sie, wach zu bleiben. So gerne würde sie die Augen schließen und am nächsten Morgen aufwachen. Diesen schrecklichen Traum, in dem sie anscheinend die Hauptrolle spielt, einfach vergessen. Doch der Schlaf meidet sie, irgendjemand möchte um jeden Preis verhindern, dass sie in Abrahams Schoß landet.

Warum nur kann sie sich an nichts erinnern? Es ging einfach alles viel zu schnell. Man hatte ihr keine Zeit gegönnt, zu reagieren. Sich auf die Situation einzustellen. Unbekannte hatten sie ungefragt in ihrem Drama zur ungewollten Protagonistin erkoren.

Schon wieder ein lautes Geräusch. Klingt wie eine Sirene. Man will ihr einfach keine Ruhe gönnen. Eine Frau zieht ihr das Nachthemd hoch, legt einen Verband um ihre Wunde. Ihre Söhne tragen sie auf einer Bahre wieder hinaus in die frostige Dunkelheit. Man legt sie in einen Wagen, Männer mit Gewehren sind da. Die Ärztin hält ihre Hand, ihre Welt versinkt im Schmerz. Wieder knallen Schüsse, sie hat Angst.

Meine Großmutter, eine zähe und herzensgute Frau, hat überlebt. Russische Besatzungssoldaten wollten auf der Suche nach Wertgegenständen ins Haus einbrechen. Die Kugel, die sie abfeuerten, prallte von einer Terrassenstufe ab. Die Splitter bohrten sich in ihren Unterleib und zerfetzten die Darmwände. Dass sie das wenige Essen ihren vier Kindern überlassen hatte, war ihr Glück im Unglück. Die betrunkenen Diebe schossen auch auf die Ambulanz, ohne sie jedoch zu treffen.

Es geschah Anfang Jänner 1947. Meine Mutter, die Jüngste, war damals sechs Jahre alt.

© Silvia Peiker 2021-12-20

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