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#zeit#generations

Verwunschen

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Verwunschen | story.one

Wenn ich in Gedanken den Garten meiner Kindheit betrete, sehne ich mich danach, gemeinsam mit Peter Pan auf die Insel Nimmerland zu fliegen, wo die Kinder niemals erwachsen werden. Unser Garten war von einer hohen Steinmauer umgeben, nur dass sich darin kein prĂ€chtiges Schloss vor den Blicken Neugieriger verbarg, sondern das ehemalige PostgebĂ€ude meines Heimatortes, das im 17. Jahrhundert erbaut worden war. Als meine Großeltern das Haus erwarben, entdeckten sie sogar noch handgefertigte Kanonenkugeln in den WĂ€nden, die als Relikt von der Schlacht um Deutsch-Wagram wĂ€hrend der Belagerung Napoleons zeugten.

Betrat man unseren Garten durch das große Tor von der Gasse aus, fiel der Blick sogleich auf einen mit Weinranken ĂŒberwachsenen Tunnel, von dem eine Abzweigung zu den GemĂŒsebeeten meiner Großmutter fĂŒhrte. Meine Cousine Petra und ich liebten es, Eisenbahn zu spielen, und Opas Rebstöcke boten uns die Möglichkeit, mit einem lauten uh uh tsch tsch tsch wie ein Dampfross durch die mit köstlichen rot und gelb schimmernden Weintrauben behangene Galerie zu sausen.

Wenn das Strahlen der FrĂŒhlingssonne krĂ€ftiger wurde und Anfang Mai endlich die Knospen der weinroten und schneeweißen Pfingstrosen von einem Tag auf den anderen aufsprangen, oder wenn im Juni die ersten Köpfchen im Rosengarten meines Großvaters ihre duftenden BlĂŒten entfalteten, stellten Petra und ich uns vor, wir hĂ€tten einen Blumenladen. Mit Erlaubnis unserer Großeltern pflĂŒckten wir etliche der frisch erblĂŒhten Blumen, um sie so wie es richtige HĂ€ndler eben tun, an Freunde und Verwandte zu verkaufen. Ein paar Groschen nahmen wir wohl ein, und eine gute RechenĂŒbung bot dieser lustige Zeitvertreib so nebenbei.

Manchmal kletterte auch mein Cousin Leo ĂŒber die alte Steinmauer, und dann zeigten wir ihm stolz die im Rosengarten aufgestellten Holzburgen und BauernhĂ€user, die mein geschickter Vater fĂŒr uns MĂ€dchen gebastelt hatte. Dann spielten wir mit schönen Kieselsteinen Ritter und BurgfrĂ€ulein und spazierten auf der Burgmauer und blickten durch die Zinnen oder ließen die ZugbrĂŒcke herunter, um auszureiten.

Der kleine gemauerte Fischteich im Garten meiner Eltern ĂŒbte auf uns Kinder eine magische Anziehungskraft aus. Zuerst sauste ich mit meinem kleinen roten Fahrrad, genannt Blitz, ungebremst in dessen Untiefen. Zum GlĂŒck war er ja sehr seicht und die roten und gelben Goldfische meines Vaters kamen mit dem Schrecken davon. So wie ich, außer dass meine Schuhe und Shorts trieften und ich mir beim Sturz beide Knie am rauen Beckenrand aufgeschrammt hatte. Auch meine um zehn Jahre jĂŒngere Schwester landete eines Tages, natĂŒrlich wieder mit dem rollenden Drahtesel, mitten in den schönen Seerosen.

SpĂ€ter hat dann unsere dreifĂ€rbige Katze Emmi die armen Fische aus dem Teich gefischt, wobei die meisten auf dem Trockenen gelandeten Flossentiere von meiner Großmutter wieder gerettet werden konnten. Aber das ist eine andere Geschichte 


© Silvia Peiker 2021-03-02

generationsZeitGartengeflĂŒsterGarten in der Natur lebt

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