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Viele bunte Smarties

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Viele bunte Smarties | story.one

„Achtung, da ist schon wieder ein Smartie!“ rufen unsere Kinder vom Rücksitz des Leihwagens, der sich auf der engen, kurvigen Küstenstraße des Rings of Kerry hochkämpft. Wir genießen die herrliche Aussicht auf die Küste von Kenmare und bestaunen die vielen bunt gepunkteten Schafe, die leider nicht nur auf den grünen, uneingezäunten Weiden grasen, sondern manchmal, verborgen hinter einer unübersichtlichen Kurve, mitten auf der Fahrbahn auftauchen. Zum Glück sind wir nicht schnell unterwegs und das Auto verfügt über gute Bremsen.

So werden die bunten, blökenden Smarties, die von ihren Besitzern mit unterschiedlichen Farbklecksen auf dem meist weißen, lockigen Fell markiert wurden, zur Attraktion unserer Rundfahrt durch den westlichen Teil Irlands.

In Kilkee, ein Fischerdorf wie aus dem Bilderbuch, haben wir ein Haus am Strand gemietet. Wir genießen die salzige frische Meeresbrise, die vom Atlantik herüberweht. Nur wenige wagen es, in dessen kalten Fluten zu baden. Wir tauchen lediglich unsere Zehen ins Meer, da die Temperaturen während der beiden Juliwochen niemals höher als 17 Grad klettern. Alles über 15 Grad dürfte in Irland einem Hitzerekord nahekommen, denn Mädchen mit gingerfarbigem Haar holen plötzlich Shirts mit Spaghettiträgern aus der Schublade und niemand, abgesehen von uns Touristen, wundert sich, wenn junge Männer mit dickem Norwegerpulli neben sommerlich gekleideten Sonnenanbeterinnen am Strand entlang spazieren.

Vertraute heimatliche Klänge schallen uns bei unserem ersten Ausflug zum mittelalterlichen Bunratty Castle im County Clare entgegen, als wir einer Reisegruppe aus Wien begegnen. Während ihr deutschsprachiger Guide sie durch die Burg führt, fragen wir, ob wir uns anschließen dürfen.

Im angrenzenden Folk Park probieren wir das Nationalgericht Irish Stew, dessen Hauptingredienz, Schaffleisch, nur dem besten aller Väter mundet. Zur einschmeichelnden Musik von Norah Jones erblicken wir gleich hinter dem Schlossteich, der mit Schilf und Seerosen beinahe zugewachsen ist, unseren ersten Monkey Puzzle Tree, der wie ein groteskes Kunstwerk auf einer grünen Wiese seine stacheligen Arme von sich streckt.

Der schmale Klippenpfad bei den Cliffs of Moher verursacht am darauffolgenden Tag bei allen Schwindelgefühle. Die beeindruckendsten Steilklippen der grünen Insel ragen bis zu 214 m aus der vom Wind stark bewegten, rauen See empor. Die Schlagzeile, die mir in der gestrigen Sunday Tribune regelrecht ins Auge gesprungen ist, verstärkt mein mulmiges Gefühl. Der Körper eines Mannes wurde nur mit Socken bekleidet zwischen den vom Salzwasser umspülten Felsen unterhalb der Klippen bei Doolin entdeckt. Die Bergung des Toten ist aufgrund starker Böen und bewegter See nicht möglich.

Wir halten einander fest an den Händen und kehren bald um. Wir verinnerlichen das tosende Schauspiel der Wellenberge, die sich an den Felsen im Wasser brechen, und denken an den armen Ertrunkenen.

© Silvia Peiker 2021-01-24

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