skip to main content

#wiennurduallein#diefreudeamleben

Walzerklänge

  • 104
Walzerklänge | story.one

Vierzehn elegant gekleidete Abgesandte der Highlands, die mir vertrauensvoll, wie ein Hündchen dem Knochen, durch das Labyrinth der Gänge und Säle folgen. Die Musiker auf der Bühne stimmen noch ein letztes Mal ihre Instrumente, bereiten sich auf die musikalische Eröffnung des Zuckerbäckerballs in den Wiener Sofiensälen vor. Einige festlich gekleidete Ballbesucher befinden sich noch auf der Suche nach ihren reservierten Sitzplätzen, studieren die von mir und meiner Kollegin Evamaria am Vortag aufgestellten Tischkärtchen.

Nach einem Rundgang mit Small Talk durch die drei verwinkelten Geschosse der Wiener Sofiensäle führe ich die vom Wiener Flair begeisterte Touristengruppe zu ihren Tischen in den Blauen Salon. Hoffentlich war den Gästen aus dem Norden mein schlechter Orientierungssinn nicht aufgefallen, denn ich hatte erst einmal das Vergnügen, mich im golden schimmernden Ballsaal zu Walzerklängen zu drehen. Eine romantische Erinnerung an den Schulball der HTL, bei dem sich zarte Bande zwischen mir und einem feschen Absolventen entwickelt hatten. Nun war ich beruflich hier, da ich vor fünf Monaten meine erste Arbeitsstelle im Büro der Konditorinnung angetreten hatte.

Das einst im 19. Jahrhundert als Sophienbad errichtete, während der Sommermonate tatsächlich als Schwimmhalle dienende Gebäude, wurde durch das Abdecken des Beckens in der kalten Jahreszeit mit Holzbrettern für Bälle und Konzerte genutzt. Bis man den Badebetrieb dann Anfang des 20. Jahrhunderts aufgab und die Räumlichkeiten nur mehr für Veranstaltungen gebucht wurden.

Ein Tusch ertönt und schon ziehen die Ehrengäste in den mit Girlanden und Blumen dekorierten Hauptsaal ein. Evamaria und mir werden in der Innungsloge die letzten Lose für den Glückshafen, der mit allerlei süßen Überraschungen wie Torten und Baumstämmen aus Schokolade und Biskuit lockt, förmlich aus den Händen gerissen. Obwohl der Zuckerbäckerball an einem Montag stattfindet, weil da die meisten Konditoreien geschlossen sind, sind alle Säle bis auf den letzten Platz gefüllt.

Draußen fahle Schwärze der frostigen Jännernacht, drinnen matte Helligkeit der Kristallluster, in der die geschickten Hände der Tanzenden Naschereien erhaschen, die aus den geöffneten Luken in der Decke des Ballsaales wie durch Geisterhand fallen.

Zu später Stunde möchte der Vizepräsident der Wiener Handelskammer seinen Tombolagewinn bei mir in der Loge abholen. Ich ernte böse Blicke, weil ich ihn für seinen Chauffeur halte, da die anderen noblen Herrschaften ihre Fahrer zum Einsammeln der Preise entsandt hatten. Zwar kenne ich seinen Namen, aber das dazugehörige Konterfei nicht und entschuldige mich. Welch ein Fauxpas!

Den Abend rettet schließlich der charismatische Schauspieler Günther Frank, der gewandt das Ballprogramm moderiert, als er mich in der Mitternachtspause galant an die Bar entführt. Diese finde ich auf Anhieb ohne Navi im Untergeschoss.

© Silvia Peiker 2021-01-30

wiennurduallein

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.