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#reisen#reiffürdieinsel

Wasser des Lebens

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Wasser des Lebens | story.one

Unsere erste Whisky-Verkostung. Der beste aller Väter und ich, beide gänzlich unerfahren, stecken zuerst unsere Nasen in die mit goldener Flüssigkeit gefüllten Whiskygläser, um die mannigfaltigen Aromen von Trockenfrüchten, Vanille, Sherry oder Portwein, die der Edelbrand infolge der jahrelangen Lagerung im Eichenfass aufnimmt, zu erschnüffeln.

Die Scotch Whisky Experience, entdeckt auf der Royal Mile gleich bei der Esplanade des Edinburgh Castles, schien uns bei unserem ersten Besuch bestens geeignet, um uns mit dem edlen Tropfen vertraut zu machen. Leider wurden auch Eiswürfel gereicht, für echte Whiskykenner ein absolutes No-Go, denn wenige Tropfen Wasser reichen, um dem Getränk die Schärfe zu nehmen.

Nachdem wir unseren Geschmackssinn mit fruchtigen, holzigen und rauchigen Whiskyproben betäubt hatten, traf ich eine Amerikanerin und eine Australierin auf der Damentoilette. Lachend waren wir uns einig:

"Whisky tastes terrible!“

Hauptsache unsere Männer hatten ihren Spaß! Aber wir kamen auch noch auf unsere Kosten, als wir mit einem Barrel Car wie in Disney World in die Geschichte des Whiskybrauens eintauchten. Da das edle Gebräu ab Mitte des 17. Jahrhunderts besteuert wurde, aber die Schotten keine Steuer bezahlen wollten und schwarz brannten, wurde Whiskybrennen ohne Lizenz verboten, was die Schmuggler auf den Plan rief.

Immer wieder tauchten Hologramme während der ratternden Fahrt auf, um vom Einfall der Reblaus, die im 19. Jahrhundert in Europa einen Großteil der Weinkulturen vernichtete, wodurch der Whisky salonfähig wurde, oder um vom florierenden Whiskyhandel während der Prohibition, zu erzählen.

Auf unserer ersten Tour durchs Landesinnere besuchten wir die Distillery Glengoyne in der Nähe von Killearn. Hier stach uns sofort die dicke weiße Grenzlinie, die auf der Fahrbahn zwischen den Low- und Highlands aufgemalt war, ins Auge. Da die Brennerei nördlich der Fahrbahn in den Highlands liegt, während die Warehouses, wo der Gerstensaft in den Fässern reift, in den Lowlands sind, kann das sherrylastige Destillat als Highland Whisky verkauft werden.

Nun musste nur noch ein Whiskyführer her, um das neu erworbene Wissen über das hochprozentige Getränk zu vertiefen. Bei Waterstones empfahl man mir Michael Jackson als einen der führenden Experten auf diesem Gebiet. Ich dachte mir: “Donnerwetter, jetzt hat dieser Tausendsassa auch noch ein Buch über das Wasser des Lebens, wie der Single-Malt-Whisky liebevoll von den Schotten genannt wird, geschrieben!“

Die Verblüffung war mir bestimmt ins Gesicht geschrieben, als ich auf der Rückseite des Werkes das gänzlich unbekannte Konterfei eines älteren, weißen, bärtigen Mannes erblickte, der aber außer dem gleichen Vor- und Nachnamen nichts mit dem King of Pop gemein hatte. Außerdem weilte der Berühmtere von beiden zu jener Zeit noch unter den Lebenden, der Whisky-Jackson aber konnte nur noch im Himmel seinem Angel‘s Share nachjagen.

© Silvia Peiker 2021-01-05

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