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#gedenken#holocaust#starkefrauen

weiter leben

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weiter leben | story.one

„Ihr müsst euch nicht mit mir identifizieren, es ist mir sogar lieber, wenn ihr es nicht tut.“ Schreibt eine, deren Kindheit und Heranwachsen durch Überleben geprägt war. Eine, deren Jugend beinahe ohne verbotene Kinobesuche auskommen musste. Nur einmal stiehlt sie sich im Alter von neun Jahren in eine Vorstellung von Disneys neuestem Trickfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, woraufhin sie von einer Bekannten als Jüdin denunziert wird.

Die Wienerin Ruth Klüger, die mit ihrer Mutter nach dem Einzug der deutschen Soldaten in Österreich erst ins Konzentrationslager Theresienstadt, dann ins berüchtigte Auschwitz-Birkenau und später nach Christianstadt deportiert wurde, schreibt so authentisch, so eindringlich, dass ich mit ihr die Enge der Viehwagons fühle, die menschenverachtende Behandlung, die die Lagerinsass*innen durch ihre Aufseher erleiden müssen, die den Entrechteten ihre Existenz als Individuen absprechen. Ihre Tätowierung ist für sie zugleich ein Zeichen und auch Hoffnung, dass sie weiterleben muss! Denn durch diese Brandmarkung kann sie später, und sie will an ein Später glauben, dieses große Unrecht bezeugen, das man ihr und ihrem Volk antut.

Im grausamen Auschwitz ist es die Lyrik, die der Vielbelesenen Kraft verleiht, Torturen, wie stundenlanges Appellstehen bei jeder Witterung, zu überstehen. Denn wer umfällt, wird erschlagen. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die es immer wieder schafft, Kartoffeln zu organisieren, um den steten Hunger ein wenig zu stillen, gelingt ihr kurz vor Kriegsende die Flucht.

Sie ist eine der viel zu wenigen Überlebenden, die weitergeatmet, weitergelebt haben. Zwei Jahre später wandert sie mit ihrer Mutter in die USA aus, wo ihr ein Neuanfang als Literaturwisschenschaftlerin glückt.

Als dieses Buch erstmals 2008 als Geschenk der Stadt Wien im Rahmen der jährlichen Gratisbuchaktion in Buchhandlungen und Volkshochschulen an Lesehungrige wie mich ausgeteilt wurde, wusste ich noch nicht, welch wertvolles Zeitzeugnis ich in meinen Händen hielt. Die unterschiedlichen Zeitebenen zeigen erst Ruth als Kind, dann als Heranwachsende während des Naziregimes und später als junge Frau, der es trotz Selbstmordgedanken gelingt, ein Studium abzuschließen und eine Familie zu gründen.

In einem Interview gesteht sie, dass ihr trotz all der Widrigkeiten, die ihr in ihrer ursprünglichen Heimat widerfahren waren, die deutsche Sprache fehlt. Das betretene Schweigen und die ungläubigen Reaktionen ihrer Mitmenschen, deren Überleben nicht der des KZ-Alltags entspricht, ist ein weiteres Nachkriegstrauma, dass Ruth mit Gedichten wie DER KAMIN bewältigen muss:

Täglich hinterm Stacheldraht

Steigt die Sonne purpurn auf,

Doch ihr Licht wirkt öd und fad,

Bricht die andre Flamme auf.

Denn das warme Lebenslicht

Gilt in Auschwitz längst schon nicht.

Blick zur roten Flamme hin:

Einzig wahr ist der Kamin.

Auschwitz liegt in seiner Hand,

Alles, alles wird verbrannt.

© Silvia Peiker 2022-01-27

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