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#1sommer1buch

Auferweckung im Schulgarten

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Auferweckung im Schulgarten | story.one

Paul und Aleksander aus meiner Gruppe spielten vergnügt verstecken, während Marina und Marvin mit dem verhaltenskreativen Fabian aus Katarinas Gruppe ihr Lager im pyramidenförmigen Holzhaus, dessen Dach auch die Möglichkeit zum Klettern bot, aufgeschlagen hatten. Marina hatte ein Auge auf den hübschen Jungen mit den großen, rehbraunen Augen geworfen, und dieser hatte sein Herz wohl ebenfalls an das selbstbewusste Mädchen mit dem langen, dunkelbraunen Zopf verloren. Beide zählten wohl zu den Kindern, die mit reichlich Fantasie ausgestattet worden waren, und gemeinsam mit dem stets zu Streichen aufgelegten Marvin musste man auf alles gefasst sein.

Aber sie spielten ausnahmsweise sehr leise und zurückgezogen unter dem Dach des Kletterhauses. So konnte ich mich auf den stets unberechenbaren Martin konzentrieren und als Fahrgast in seinem fiktiven Linienbus mit ihm, Justin und meiner geduldigen Arbeitskollegin Katarina etliche Runden durch den Garten ziehen.

Nachdem Katarina bei einer Busstation in der Nähe des Spielhauses ausgestiegen war, kamen Marvin und Fabian aufgeregt zu ihr gelaufen. Laut schallte Marvins Stimme durch den Schulgarten:

“ Du musst Fabian helfen, er blutet!"

Und wirklich, aus Fabians Nase tropfte Blut. Hurtig eilte Katarina mit ihm auf die Toilette, nachdem sie zuvor die anderen Kinder ihrer Gruppe an die verbliebenen Kolleginnen im Garten übergeben hatte. Dort gelang es ihr, mit Hilfe von kaltem Wasser und einem Eisbeutel, den sie in Fabians Nacken legte, die Blutung zu stillen. Natürlich wollte sie wissen, ob sich der Bursche die Nase im Holzhaus gestoßen hatte. Sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als sie Fabians Bericht vom Tathergang hörte.

Marina und Fabian hatten ein Spiel begonnen, bei dem Fabian reglos als Toter auf dem Boden liegen sollte. Fabian rührte sich nicht mehr, auch als Marina versuchte, ihn zu kitzeln und an seinen Armen und Beinen zog, bewegte er sich nicht. Der quirlige Marvin hatte sich bei diesem ereignislosen Spiel bald zu langweilen begonnen und war zum Kletterturm gelaufen, und die beiden Turteltauben waren allein im Holzhaus zurückgeblieben. Da sich Fabian noch immer täuschend echt tot stellte, brach Marina ein kleines Stück von einem Zweig unseres Nussbaumes, der seine dichtbelaubten Äste in der Nähe des Spielhauses in die Höhe streckte, ab. Dieses dünne Holzstück steckte sie nun ihrem geliebten Fabian ins Nasenloch, damit er doch endlich wieder aufwachte.

Die Übung gelang, Fabian war wie durch ein Wunder wiedererweckt worden! Doch leider blutete er jetzt aus der Nase. Zum Glück hatte Fabian nach Begutachtung der Schulärztin außer Nasenbluten keine schlimmeren Verletzungen davongetragen. Katarina und ich beschlossen deshalb, Fabian und Marina im Schulgarten eine Weile nicht mehr alleine miteinander spielen zu lassen. Denn eine solch explosive Mischung von Verhaltensoriginalität kann selbst einen vermeintlich Toten zum Bluten bringen.

© Silvia Peiker 2020-08-26

eigenartig

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